Riechsalz fürs Design

8. November 2001, 14:38
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Warum österreichisches Design noch immer nach einer Definition sucht, und ob ein Staatspreis bei diesem Unterfangen helfen kann, fragte der Standard vier Personen aus der Welt der Gestaltung

der Standard: Was bringt der kürzlich vergebene Adolf-Loos-Design-Staatspreis dem heimischen Design?

Alexandra Eichenauer-Knoll: Also ich find' das eine tolle Initiative. Kritisieren ist immer leicht, ich denke, die ausgezeichneten Objekte sind sehr interessante Beispiele für neue Gestaltung.

Ein Kritikpunkt bezieht sich auf die mangelnde Berücksichtigung des Umfelds, sprich, ein Durchsichtigmachen der Botschaft, die Design heute rüberbringen sollte.

Dietmar Valentinitsch: Ich bin auch froh, dass endlich wieder was unternommen wurde. Andererseits sehe ich bei dem Projekt auch vertane Chancen. Bei einer solchen Auszeichnung geht es nicht nur um eine Urkunde, dahinter steht auch eine edukative Wirkung. Die Anzahl der Einreichungen ist mit circa 400 sehr hoch, und da hätte man die Möglichkeit einer Momentaufnahme nutzen sollen. Es geht darum, die Einreichungen darzustellen und Punkte wie Grundgedanken eines Objekts und auftretende Fragen in der Entstehung zu dokumentieren - und zugänglich zu machen. Jetzt gibt's da ein Büchlein, von dem der Design-Interessierte nicht viel hat. Man hätte die ganze Sache publikumswirksamer nutzen sollen.

Gerhard Heufler: Ich sehe die Sache ebenfalls prinzipiell positiv, jedes EU-Land hat heute seinen Design-Preis, das ist Standard. Was ich am Adolf-Loos-Preis bemängle, ist die fragwürdige Einteilung der Kategorien. Design löst sich heute zum Teil von der Materie, man denke zum Beispiel an Service-Design, das ist ein Begriff, der gar nicht vorkommt. Auch versteh' ich nicht, warum zum Beispiel der Preis für räumliche Gestaltung nach Joseph Binder benannt ist, der bekanntlich Grafiker war. Man sollte jetzt in eine Nachdenkphase eintauchen, analysieren, was man das nächste Mal besser machen kann, und nicht sagen "jetzt sind wir aber froh, dass wir wieder einen Staatspreis haben". Außerdem war die Medienwirksamkeit katastrophal. Wenn so ein Wettbewerb etwa in den USA stattfindet, widmet ihm die Business Week elf Seiten und spricht ein großes Publikum an.

Luigi Blau: Was mich als Architekt an der Geschichte stört, ist, dass wenn man sich schon mit dem Loos schmückt, man das in angemessener Weise tun sollte. Jetzt muss man durch einen Nebeneingang in die Ausstellung der Projekte, dort hängen irgendwelche Zettel mit Wegbeschreibungen. Vielleicht ist das auch ein Symbol für den Umgang mit der Sache. Aber ich möchte mich den anderen anschließen und bewerte die Aktion prinzipiell positiv.

Eichenauer-Knoll: Ich glaube, Design braucht eine Plattform, zum Beispiel ein Magazin.

Blau: Es gehört vermehrt in den Tageszeitungen behandelt, um wirklich publikumswirksam zu werden.

Heufler: In dieser Hinsicht gibt's auch zu wenig Design-Kritik.

Sollte man also Design, was Publikationen betrifft, der Architektur angleichen?

Blau: Das ist richtig. Es gibt ja hierzulande sehr gute Architektur-Rezensionen. Die sollte es auch für Design geben. Ich denke überhaupt, dass Architektur und Design nicht getrennt behandelt gehören.

Wer kann außer den Medien noch zu dieser Bewusstseinsbildung beitragen?

Eichenauer-Knoll: Es wird oft behauptet, Unternehmer hätten zu wenig Sinn für Kultur. Es sollte zum Beispiel an der Wirtschaftsuni eigene Seminare für Design-Management geben.

Heufler: Design wird in der Ausbildung von Managern nur gestreift, das gilt auch für Disziplinen wie Elektrotechnik. Es müsste in der Tat eine gewisse Grundinformation bereitgestellt werden. Design-Management ist noch immer ein Fremdwort. Design ist ein Glied in einer langen Kette, die am schwächsten Glied reißt, und das heißt halt noch zu oft Design.

Eichenauer-Knoll: Oder die Kette besteht nur aus Design, und das funktioniert natürlich auch nicht. Um eine positive Entwicklung forcieren zu können, braucht es mehr Unternehmer mit Leidenschaft für Gestaltung.

Valentinitsch: Der Begriff "Design als Wirtschaftsfaktor" sollte nicht zu sehr ausgeschlachtet werden. Es geht auch um einen sehr hohen sozialen Anspruch. Das fängt bei der Fertigung an. Ich habe es oft genug erlebt, dass Arbeiter viel enthusiastischer ans Werk gehen, wenn sie es mit gut gestalteten Formen zu tun haben. Die Form allein reicht natürlich nicht, es kommt schon auch auf eine kulturelle Botschaft an.

Das heißt, das Bewusstsein wäre da, befindet sich aber im Tiefschlaf? Inwieweit kann die Ausbildungsstätte die Funktion eines Weckers übernehmen?

Heufler: Wir wollen Design auf das nötige Niveau heben, die Leistungen bekannt machen und schicken die Studentenarbeiten an internationale Designbüros. Der Erfolg ist verblüffend: 90 Prozent unserer Studenten absolvieren Praktika in den besten Studios im Ausland.

Und bleiben dann dort?

Heufler: Die Entwicklung geht in eine andere Richtung. Immer mehr Designer kommen gerne wieder nach Österreich.

Wenn man internationale Designgrößen nach österreichischem Design befragt, hört man Adolf Loos und Joseph Hoffmann. Warum konnte man an deren Leistungen nicht anknüpfen?

Blau: Ich glaube, da wird's jetzt sehr politisch.

Politische Bedingungen gelten auch für die Architektur, und die heimische Architekturszene ist ein internationaler Begriff.

Blau: Ja, das stimmt.

Warum ist es also so schwierig, in Österreich Bewusstsein für Design zu schaffen?

Blau: Ein Beispiel: Ich hatte einmal den Auftrag, für die Post eine neue Telefonzelle zu entwerfen. Als es um die Begutachtung ging, standen zwei Modelle zur Debatte. Der seinerzeitige Direktor meinte: "Telefonieren kann ich mit beiden, also nehmen wir die billigere Zelle."

Valentinitsch: Die Geschichte trifft genau den Punkt.

Alexandra Eichenauer-Knoll ist bei der Firma Grundmann-Beschlagtechnik für Werbung und PR zuständig. Außerdem koordiniert sie die Designaktivitäten des Unternehmens. Für Grundmann arbeiten unter anderem Designer wie Michael Schaefer oder Gottfried Palatin.
Dietmar Valentinitsch ist seit vielen Jahren als Designer im Geschäft und gestaltete zum Beispiel die Garnituren der Wiener U-Bahn-Linie U6.
Gerhard Heufler ist Leiter des Studienlehrgangs Industrial Design der Fachhochschule Joanneum in Graz.
Luigi Blau arbeitet als Architekt und Designer in Wien.

der Standard/rondo/2/11/01

Moderation: Michael Hausenblas

designaustria.at

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