Kraxeln in Dornbirn

16. November 2001, 11:25
posten

Klettern macht auch im Winter Spaß - in der Halle und kombiniert mit Wellness-Tagen

Klettern - nur etwas für die Reinhold Messners, die Bubendorfers oder die Huber-Buben, jenes bayrische Brüderpaar, das heuer in den schwersten Wänden der Alpen und des Karakorum neue Maßstäbe gesetzt hat? Das sei so, meint ein guter Freund, wie wenn man auf ein Glas schönen Weins verzichtet, nur, weil man sich nie einen Chateau Margaux wird leisten können. Oder nie probiert, ein Risotto zu kochen, nur weil man es nicht so hinkriegen wird wie Eckart Witzigmann. Klettern, meint der Freund, sei eine Grundform menschlicher Bewegung, es schließe gleich ans kindliche Krabbeln an, und außerdem brauche man dazu gar keine Felsen, weil es inzwischen genügend Hallen-Kletterwände gibt.

Auf zum "Schiff"

Zum Beispiel in Dornbirn, wo Wolfgang Vogel nach dem Austeilen der passenden Kletterpatschen ("Slicks") und einer Viertelstunde Aufwärmen und Dehnen seine Anfänger zum "Schiff" führt. Dieses ist eigentlich ein Kasten, zwei Meter hoch, mit schrägen Wänden, die über und über mit Griffen und Tritten aus Kunststoff bestückt sind. Auf diesen wird nun das Schiff knapp über dem Boden horizontal umklettert. Also keine Gefahr des Schwindligwerdens, und sollte sich einmal die "Nähmaschine" einstellen, jenes bei Kletterern so gefürchtete Zittern der Beinmuskulatur, so ist der Weg zum Boden nicht weiter als beim Aussteigen aus der Straßenbahn.

Damit es nicht langweilig wird, hat Wolfgang sich Bewegungsvarianten ausgedacht. Bei der ersten Umrundung werden die Beine überkreuzt, beim zweiten Mal steigt das zweite Bein auf den Tritt des Standbeins, während dieses gleichzeitig weiter hüpft. Und dann folgen gleichgewichtsfördernde Steigerungen: Klettern mit nur einer Hand und Klettern ohne Hände, was an der sechzig Grad steilen Stirnwand des Schiffes gerade noch gelingt. Vom Schiff geht's zu einer senkrechten Wand, an der wieder gequert wird - höchstens einen Meter über dem Boden, der mit einer weichen Matte bedeckt ist.

Leichtigkeit, Konzentration, Anstrengung

Dazwischen erzählt Wolfgang, der die Indoor-Kletterschule "Top 30" betreibt, wer so aller zu ihm kommt. Kindergruppen im Alter von vier und fünf Jahren, Schulkinder, physisch oder psychisch Behinderte, schwer erziehbare Jugendliche, die durch die körperliche Herausforderung Selbstwertgefühle entwickeln, nicht anders als der zähe Pensionist, der an diesem Nachmittag unermüdlich einen Überhang quert. Das Gefühl nach dem ersten Tag ist das der Leichtigkeit, die der Konzentration auf die Körpermotorik folgt. Die zwei Stunden hinterlassen das Gefühl, auf Wolken zu gehen, die Anstrengung bebt in Form von Muskelvibrationen nach.

Warum das Ganze in Dornbirn? Indoor-Kletterwände gibt es inzwischen in vielen Orten, unter anderem auch in Wien. Aber erstens stellt es einen unleugbaren Reiz dar, eine so massiv von Industrie und Ökonomie geprägte Stadt (nicht zufällig sind die Kletterwände in einer Messehalle untergebracht) einzig und allein wegen eines nachgerade kindlichen Freizeitvergnügens aufzusuchen. Und zweitens ist Dornbirn innerhalb von Österreich der weitest entfernte Punkt, um an einem Wochenende "Wiens Wonnemonat, dem November" (Schriftsteller Robert Schindel) zu entfliehen.

Oasen der "Relaxtheit"

Das gelingt besonders gut im Hotel Rickatschwende, einem Kur- und Fitnesszentrum mit Zwei-Hauben-Restaurant so hoch über der Stadt, dass es selbst der hartnäckigste Bodenseenebel nur selten erreicht. Und das ist nicht die einzige Oase der Relaxtheit in dieser Wüste des Fleißes. Dornbirns Wahrzeichen ist ebenfalls eine Gaststätte, das "Rote Haus", das es seit dem Jahr 1639 gibt, und das bezüglich gemütlicher Gaststuben und einer GaultMillau-Haube im Wettstreit mit dem Gasthaus "Krone" liegt.

Am zweiten Tag von Wolfgang Vogels Anfängerkurs geht es ans Seil. Sitzgurt, Toprope, Partnercheck schwirren die Fachausdrücke. Das Seil wird mit einem "Achterknoten" am Gurt befestigt, läuft oben durch einen Karabiner und wird vom Partner gesichert. Länge und Steilheit der Wände steigern sich langsam. Passieren kann nichts, da das Seil immer leicht gespannt ist, aber es gilt Vertrauen in die eigenen Arm- und Beinbewegungen zu haben, beide zu koordinieren und Gleichgewichtsgefühl zu entwickeln. Der erste Anstieg verlangt Überwindung, die Motorik ist noch zu eckig. Wiederholungen der gleichen Route machen die Bewegungen runder, katzenartiger. Und eine spezielle Erfahrung ist der Anstieg mit verbundenen Augen. Ohne den Blick nach oben, ohne das verkrampfte Weiterkommen-Wollen ist das Steigen zwar langsamer, aber plötzlich viel kräftesparender.

Krönender Abschluss der zweieinhalb Stunden in der Dornbirner Kletterhalle ist eine achteinhalb Meter hohe Wand, zuerst achtzig Grad steil, im oberen Drittel senkrecht. Die Lust an der Bewegung und die Anspannung in der Vertikalen gehen eine kribbelnde Balance ein, die auch beim Abseilen mit den im Rhythmus von der Wand weggestemmtem Beinen anhält. Kann Fliegen schöner sein?

Tipps zum Nachreisen
Informationen:
Top 30, Klettertechnik, Wolfgang Vogel. Tel. 05573/82746. E-Mail:top30klettertechnik@aon.at

Anfängerkurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Zwei Einheiten zu je 2 bis 2 1/2 Std. je nach Kondition. Preis inkl. Leihausrüstung und Eintritt öS 890 / EURO 64,7. Mindestzahl für einen eigenen Kurs: 4 Personen.

Fremdenverkehrsamt Dornbirn: Tel. 05572 / 221 88 0.
Hotel Rickatschwende: Tel. 05572 / 253 50 0;
Gasthaus Rotes Haus: Tel. 05572 / 315 55;
Gasthaus Krone: Tel. 05572 / 227 20 0.
Anfahrt:
Mit der Bahn: Westbahn, 2-Stundentakt.
Mit dem Auto: A1 / Westautobahn-Inntalautobahn-Arlberg-Schnellstraße-Rheintalautobahn.


Serie:
Wochenenden, die sich lohnen, Horst Christoph fährt fort
Share if you care.