Taliban-Witze

9. November 2001, 10:24
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+ + + PRO

Michael Fleischhacker

In einer der letzten Ausgaben der Weltwoche findet sich eine Geschichte über die ungebrochenen Aktivitäten der Spaßgesellschaft nach dem Motto "Wer sich von den Taliban das Lachen verbieten lässt, ist selber einer". Als "Beispiel für die Überlegenheit des westlichen Witzes" wird die überarbeitete Fassung der ziemlich geschmacklosen Website "Taliban Singles Online" präsentiert, auf der sich fingierte Kontaktanzeigen mit Bildern von vermummten Frauen und lustigen Texten finden: Let's make Jihad together. Name: Mahboba. Alter: 32. Wohnort: Herd. Beruf: Verboten. Hobbys: Verboten.

Wer sich von den Taliban das Lachen verbieten lässt, ist selber einer: stimmt.

Wir haben es hier nämlich nicht mit einer Frage des Geschmacks zu tun, sondern mit kollektiver Selbsttherapie. Der schlechte Witz gehört zur Schockbearbeitung wie das Besäufnis zum Begräbnis. Nach allen Großkatastrophen der vergangenen Jahre verseuchten zynische, menschenverachtende, sexistische, barbarische, unerträgliche Witze Websites, E-Mail-Ordner und Kaffeehausrunden. (Nach der "Challenger"-Explosion: Was heißt NASA? - Need Another Seven Astronauts.) Ist vollkommen in Ordnung so.

Es gibt ja auch die nette Variante. Eine Freundin mit dem schönen steirischen Familiennamen Ladenhaufen meldet sich neuerdings am Telefon: Bin Ladenhaufen. Stimmt ja

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- - - CONTRA

Erhard Stackl

Also, dass man den deutschen Verteidigungsminister Rudolf Scharping wegen seiner zwischen Truppenbesuchen eingeschobenen Mallorca-Turteleien im Swimmingpool jetzt "Bin Baden" nennt, das habe ich schon gelungen gefunden. Aber ansonsten geht mir die üppige Scherzproduktion um Osama Bin Laden und die Taliban schwer auf den Nerv. Was wird einem da nicht alles in den E-Mail-Eingang geschüttet: von einer Moorhuhnjagd auf Osamas Kopf über Selbstmordattentäter beim Üben ("Ich zeig's nur einmal") bis zum Soundfile mit einem umgedichteten Belafonte-Song ("Hey, Mr. Taliban, Taliban banana, Air Force come and it flatten my home.")

In den Medien heißt es dazu küchenpsychologisch, das diene alles der Befreiung vom kollektiven Terrortrauma des 11. September. Good old Siggy Freud sagte, dass es ein Zeichen weitgehender psychischer Übereinstimmung sei, wenn Leute über den gleichen Witz lachen. In der Witz-Situation gebe es drei Rollen: Erzähler, Zuhörer - und das Opfer. Viele der gezeichneten E-Mail-Scherze ähneln den aggressiven Bildern, die sich US-Soldaten auf ihre Kampfflugzeuge malen. Komisch nur, dass sie mir vor allem von Leuten zugeschickt werden, die ich eher auf einer Friedensdemo vermutet hätte.

der Standard/rondo/9/11/01

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