Afghanistan, Schrecken aller Invasoren

10. November 2001, 19:00
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Viele versuchten im Lauf der Jahrtausende, das Gebirgsland zu erobern - keiner blieb lange

Quetta - Als klassisches Durchzugsgebiet war das heute als Afghanistan bekannte Bergland zwischen Persien und dem Himalaja schon immer Ziel fremder Eroberer. Dazu kam noch, dass man durch den Besitz der Region die historische Seidenstraße kontrollieren konnte, die bis zum 18. Jahrhundert jahrtausendelang wichtigste Handelsverbindung zwischen China und dem Westen. Doch die unbändigen Bergstämme, die das Land im Herzen Asiens bewohnten, haben es den Eroberern noch nie leicht gemacht. Keinem von ihnen gelang es für längere Zeit, das Land wirklich zu beherrschen.

Persische Provinz

Afghanistan geriet erstmals im sechsten Jahrhundert ins Blickfeld des europäisch-mediterranen Kulturkreises, als es von dem Achämenidenherrscher Kyros II. für zwei Jahrhunderte zur Provinz des persischen Großreichs gemacht wurde. Danach kam Alexander der Große auf seinem Zug nach Indien in das Land, das damals Baktrien hieß. Von der damaligen Metropole Balch, einstmals einem blühenden Handelsplatz an der Seidenstraße, ragen heute aus der nordafghanischen Hochebene nur noch vereinzelt verfallende Mauerreste empor.

Islamisierung

Durch Alexander und seine Nachfolger geriet das Land für rund vier Jahrhunderte unter hellenistischen Einfluss. Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts kam das Gebiet unter buddhistischen Einfluss, von 642 an wurde es durch die Araber dem Islam unterworfen. Doch wurde der Osten und Norden mit Kabul erst im zehnten Jahrhundert islamisch. In der Folgezeit geriet das Land am Oxus (heute Amu Darja) wechselweise unter persische und mongolische Herrschaft, wurde jedoch weitgehend von einheimischen Emiren regiert.

Britische Eroberungsgelüste

Nach dem Tod Nadir Schahs, der das Land letztmals unter persische Herrschaft brachte, gründete 1747 Achmed Schah Durani den bis heute bestehenden afghanischen Staat. Dieser wurde im 19. Jahrhundert ein Zankapfel zwischen den Kolonialmächten Russland und Großbritannien, die ihre Macht in Zentralasien auszubauen versuchten. Damit begann eine Reihe vergeblicher Versuche Europas, in dem isolierten Binnenland Fuß zu fassen, was nach einem Zitat des britischen Schriftstellers Rudyard Kipling als "das große Spiel" in die Geschichte einging.

Die britisch-afghanischen Kriege

Der erste von drei britisch-afghanischen Kriegen endete 1842 in einem der größten Desaster der britischen Kolonialgeschichte. Bei seinem Rückzug aus Kabul wurde ein Heer von 16.000 Mann in den Bergschluchten am Khaiber-Pass von den afghanischen Kriegern abgeschlachtet. Nur ein Brite, William Brydon, erreichte lebend Indien um die Geschichte zu erzählen, die den jungen deutschen Londoner Korrespondenten Theodor Fontane wenige Jahre später zu seiner Ballade "Afghanistan" inspirierte.

Beim zweiten britisch-afghanischen Krieg wurde eine junge Frau namens Malalai zur Nationalheldin, als sie 1880 die afghanische Fahne dem Heer vorantrug. Der reformorientierte Emir Amanullah errichtete später im Zentrum Kabuls ein Malalai-Lyzeum. Es war eine der ersten Schulen, die die Taliban nach ihrer Machtergreifung 1996 schlossen, als sie den Schulbesuch für Mädchen verboten.

Unabhängigkeit

Amanullah war es auch, der nach dem dritten und letzten angloafghanischen Krieg 1921 die völlige Unabhängigkeit Afghanistans wieder herstellte, dessen Außenpolitik seit 1880 von London bestimmt worden war. Seine vom türkischen Republikgründer Kemal Atatürk inspirierten Reformen wurden aber wegen des Widerstands der islamischen Geistlichkeit und lokaler Stammesfürsten nur halbherzig umgesetzt. Der von der europäischen Kultur begeisterte Reformer schockierte seine Untertanen nach Rückkehr von einer Europareise mit der Einführung der höheren Bildung für Frauen, europäischer Kleidung und dem Verbot der Vielehe für Regierungsangestellte. Nur ein Jahr später, 1929, wurde er gestürzt und musste ins Ausland emigrieren.

Nach mehrmonatigen Wirren übernahm Nadir Schah die Macht und setzte nach Kompromissen mit den konservativen Kräften die Reformpolitik seines Vorgängers fort. Nach seiner Ermordung 1933 gelangte sein Sohn Sahir Schah auf den Thron und behauptete diesen bis zu seinem Sturz durch seinen Cousin Mohammed Daud 1973. Dessen Machtübernahme markierte den Beginn der Wirren, in denen Afghanistan bis heute steckt.

Russisches Zwischenspiel

Daud wurde 1978 von der prosowjetischen Regierung Nur Mohammed Tarakis gestürzt und ermordet. Eineinhalb Jahre später erfolgte zum Schutz des wankenden linken Regimes in Kabul der sowjetische Einmarsch. Jetzt, nachdem sowohl die UdSSR und ihre Kabuler Schützlinge wie deren Überwinder, die islamistischen Mudschaheddin, gescheitert sind, ist die Zukunft ungewisser denn je. Sogar auf den alten König Nadir Schah, der 87-jährig im römischen Exil lebt, setzen manche wieder ihre Hoffnungen.(APA)

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