Artifizielle Gesänge vom ruinierten Ruf

7. November 2001, 22:02
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Die Wiener Taschenoper beim Festival "Wien Modern" mit Guo Wenjings Kammeroper "Night Banquet"

Wien - Das Festival Wien Modern animiert seine Besucher heuer zur Hetzerei durch Wien. Von der Konzerthaus-Basis aus führte der Weg übers Museumsquartier und das Alte AKH nun auch bis nach Schloss Schönbrunn. Sollte das Konzept beibehalten werden, wäre neben dem Generalpass noch (publikumserweiternd) ein Touristenpass einzuführen. Dieser Ausflug verdankt sich übrigens dem Brand der Sofiensäle. Dort hätte sich die Taschenoper (zu Unrecht am schlechtesten dotierte freie Operngruppe Wiens) niederlassen wollen, um Night Banquet zu zeigen.

Die Große Galerie des Schlosses mit ihrer barocken Üppigkeit ist allerdings keine Verlegenheitslösung. Vielmehr erlangt sie als auratisches Ambiente bei der erzählten Selbstdemontage des Opernhelden Han Xi-Zai, der sich bei einem Bankett durch allzu hedonistisches Verhalten bewusst für einen Job als Premierminister disqualifiziert, intensitätssteigernde Bühnenbildqualität.

So wie die vielschichtige Musik von Guo Wenjin traditionelle chinesische Elemente mit europäischer Avantgarde koppelt und dadurch eine interessante Verschachtelung von Klangwelten vornimmt, so ist auch die Inszenierung in ihrer optischen Anlage ein Stilmix, eine Mischung aus ästhetischen Raumvorgaben und einer Abgrenzung von diesen. Die Figuren präsentieren sich in stilisierten Rokoko-Kostümen (Leo Schatzl, auch Bühnenbild) und grellen Farben, wirken dann aber wie Verwandte der zahlreichen nackten Schaufensterpuppen, welche die Bühne säumen.

Der absurden Optik steht eine gelassene Gestensprache (Inszenierung Wei Xiaoping) zur Seite; mit Mitteln der Reduktion wird eine Geschichte eindringlich erzählt, die sich über westlich getönten Operngesang ebenso vermittelt wie über die ebenfalls artifiziell anmutende Glissando-verliebte Deklamatorik chinesischer Provenienz. Dirigent Peter Rundel löste alle akustischen Probleme, die der Raum geboten haben mag.

Und er löst auch die tadellosen vokalen Leistungen von Gong Dong-Jian, Gad Lei, María Fernández Urechu und Yigal Altschuler aus, die von einer profunden Durchdringung des musikalischen Materials zeugten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 11. 2001)

 Von
 Ljubisa
 Tosic


Folgevorstellungen:

8., 9. und 10. 11.
um 20.00 Uhr;

11. 11.
um 15.30 Uhr
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