Schüssel will "Mut zum Kind" zeigen

8. November 2001, 12:43
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Volkszählung: Die Geburtenüberschüsse gehen gegen Null

Wien - Das Bevölkerungswachstum in Österreich wird praktisch nur mehr von der Zuwanderung getragen. Drei Viertel des Zuwachses seit 1991 (3,5 Prozent bzw. 270.000) entfallen auf EinwanderInnen, seit Ende der 90er Jahre gehen die Geburtenüberschüsse überhaupt gegen Null. Die Auswirkungen sind beachtlich: In der Bevölkerungspyramide, die ohnehin immer mehr aus der Form gerät, wird die Zahl der über 60-Jährigen in 40 Jahren von 1,7 auf 2,9 Millionen steigen. Im Gegenzug sinkt die Zahl der unter 60-Jährigen um 600.000, jene der unter 15-Jährigen um 300.000.

Bundeskanzler Schüssel ist zuversichtlich

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) zeigte sich am Mittwoch bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Generaldirektor der Statistik Austria, Ewald Kutzenberger, dennoch zuversichtlich: "Nichts davon ist ein Horrorszenario, es ist eher ein Chancen-Szenario, dem man sich stellen muss", meinte Schüssel. In Sachen Zuwanderungspolitik sieht Schüssel die Regierung mit der Quotenregelung auf dem richtigen Weg.

Österreich dürfe jedenfalls nicht allein auf Zuwanderung setzten, sondern müsse auch "Mut zum Kind" und "Mut zur Familie" zeigen, so Schüssel. Er nannte in diesem Zusammenhang etwa das Kindergeld. Kutzenberger betonte allerdings, "dass man mit finanziellen Anreizen keinen großen Babyboom schaffen kann". Wünschenswert sei aus seiner Sicht als Demograph dennoch die Wahlfreiheit der Frauen sowie die Schaffung eines positiven Klimas für Familien.

Die Länder

Kutzenberger verwies auf das überdurchschnittliche Bevölkerungswachstum in den westlichen Bundesländern. So legte Salzburg um 7,5 Prozent, Tirol um 6,9 und Vorarlberg 6,1 Prozent zu. "Niederösterreich tanzt hier etwas aus der Reihe und boomt mit etwas über fünf Prozent", so Kutzenberger. Auffällige Abwanderungstendenzen gibt es vor allem in weiten Teilen der Steiermark und Kärntens sowie in den Grenzregionen zu den osteuropäischen Nachbarn. Steiermark und Wien, aber auch dem Burgenland und Kärnten drohen deshalb ab 2002 schwere Verluste beim Finanzausgleich.

Allerdings betonte Schüssel, dass der Bevölkerungsrückgang in den Grenzregionen seit der Ostöffnung weit langsamer verlaufen ist als in den Zeiten des Kalten Krieges. Er legte deshalb erneut ein Plädoyer für die EU-Osterweiterung ab. Diese werde gerade für die Grenzregionen "eine echte Chance" sein. Zur Vorbereitung seien allerdings Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur - etwa eine Schnellbahn Wien-Pressburg oder eine Autobahnverbindung von Linz nach Prag - nötig.

"Die Grenzregionen dürfen keine tote Grenze sein", so Schüssel. Die Regierung werde sich beim nächsten "Reformdialog" zum Thema Infrastruktur im kommenden Jahr mit diesem Thema beschäftigen. Außerdem seien Investitionen in Bildung, Forschung und Infrastruktur nötig.

Kritik an der Familienpolitik

Kritik an den Aussagen Schüssels zur Familienpolitik hat SP-Frauenvorsitzende Barbara Prammer geübt. "Mehr Mut zu Kindern lässt sich nicht herbeireden - und die bisherigen Maßnahmen der Regierung sind eher Angst machend", meinte Prammer. Sie fordert mehr Kinderbetreuungsplätze, Weiterbildungsmaßnahmen und Wiedereinstiegsprojekte.

"Die Regierung, allen voran Sozialminister Herbert Haupt, geht aber einen völlig anderen Weg", urteilt Prammer. Der Bundeskanzler möge in diesem Zusammenhang seinen Sozialminister nach den gefährdeten AMS-Projekten für Wiedereinsteigerinnen befragen. (APA)

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