Lichttherapie in Öl

7. November 2001, 23:30
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Wie Österreich-Ungarn sich einst auf "Italienischen Reisen" begab: Beinah Sadismus seitens des Belvedere

Italien als Sehnsucht und Ideal österreichischer und ungarischer Maler 1770-1850 steht im Mittelpunkt der Ausstellung "Italienische Reisen" in der Österreichischen Galerie im oberen Belvedere.


Wien - Es grenzt nahezu an Sadismus, gerade jetzt, da hierzulande das Nebel-Dauerabo einfällt, an das Licht des Südens zu erinnern. Die Österreichische Galerie tut dies, so der Vorwurf an dieser Stelle, aus Berechnung. Und verordnet Lichttherapie in Form von Landschaftsbildern österreichischer und ungarischer Maler aus der Zeit von 1770 bis 1850, wo sich Romantik, Biedermeier, Klassizismus und Spuren von Realismus zeigen.

Mit ihnen begibt sich der Nebelmensch im Oberen Belvedere auf Italienische Reisen, dem "Must" eines damaligen Künstlers. Rom war damals das, was später Paris und heute New York ist. Trendig, weil sich die Antiken- und Ruinenliebe trefflich verband mit der Schönheit der Landschaft und des sonnigen Lichtes, das u. a. Jakob Alt in seinen Aquarellen meisterlich einfing. Das Land, wo die Zitronen blüh'n und sich Goethe auch abbilden ließ in der römischen Campagna.

Das Vergilsche "Et in arcadia ego" galt als Motto der Kunstreisenden, die meist über Stipendien der (österreich-ungarischen) Akademie oder privater Förderer ins gelobte Land zogen. Wenn auch nicht immer mit den ihnen nachgesagten hehren Gefühlen - wie der Lebenslauf von Lorenz Adolf Schönberger beweist, der "seine Ehehälfte stehen ließ, wo er (Anm.: sie) gefunden, und selbst nach Italien wanderte".

Das damals nicht als Staat existierende, aber als ein einziges Land gesehene Italien bildete die Folie, vor der ideale, heroische und erhabene Landschaften - teilweise völlig aus der Fantasie der Künstler - entstanden. Das Land bot Ausgangspunkt für beliebte Malmotive jener Zeit, allen voran die Vulkane Vesuv und Ätna, die elementare Naturgewalten besonders dramatisch verkörperten. Idealfall: ein Vulkanausbruch bei Nacht, mit Mond, womöglich mit Ruine und tobendem Meer. Im rot ausgeleuchteten Vulkan-Raum hängen vor allem Michael Wutkys und Josef Rebells dramatische Vulkanausbruchsdarstellungen, die Letzterer im Auftrag des Fürsten von Liechtenstein malte.

Die Fotografie ersetzten Bildchenmaler in der Zeit des beginnenden Tourismus, den die damalige Reiseschriftstellerin Fanny Lewald kritisiert, wo Leute Wert darauf legen, alles gesehen zu haben, anstatt sich an einer am "inneren Interesse" der Daheimgebliebenen am erträumten Land orientierten Darstellung zu versuchen.

Nicht chronologisch, sondern nach Motiven und Orten geht man in der Österreichischen Galerie vor. Das Naturschauspiel Licht wird in einem Raum etwas unglücklich überinszeniert, wo die Wasserfälle von Tivoli im Mittelpunkt stehen. Verlorene Welt: Die verklärte Sehnsucht von damals kann heute zuweilen in Wehmut kippen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 11. 2001)

 Von
  Doris Krumpl


"Italienische Reisen. Landschaftsbilder österreichischer und ungarischer Maler 1770 - 1850"

9. November bis 3. Februar 2002

Österreichische Galerie, Oberes Belvedere.

Di bis So 9 - 17 Uhr

www.belvedere.at
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