Einzelheiten zum Weltbevölkerungsbericht 2001 Bevölkerung und Umwelt

7. November 2001, 13:30
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Der diesjährige Weltbevölkerungsbericht untersucht die diffizilen Verknüpfungen zwischen Bevölkerung und Umwelt. Neben Faktoren wie Wohlstand, Verbrauch, Technologie und Bevölkerungswachstum haben aber auch bisher kaum berücksichtigte gesellschaftliche Aspekte wie Geschlechterrollen- und beziehungen oder politische Strukturen und die Verteilung der Macht einen bedeutenden Einfluss. Frauen den Zugang zu wirtschaftlicher und politischer Macht zu eröffnen, ist ein wichtiger Schritt bei der Armutsbekämpfung. Obwohl Frauen z.B. in Südostasien zu 90% für die Produktion von Nahrungsmittel verantwortlich sind, bleibt ihnen der Zugang zu Produktionsmittel verwehrt und auch landwirtschaftliche Fortbildungen bleiben ihnen verschlossen.

Durch das auf der Internationalen Konferenz für Bevölkerung und Entwicklung 1994 in Kairo beschlossene ganzheitliche Konzept des "Empowerment" sollen Frauen durch verbesserten Zugang zu Bildung, Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten und durch mehr Aufklärung und selbstbestimmte Kontrolle über den eigenen Körper an politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen teilnehmen, jene mitbestimmen und damit ihre Lebenssituation verbessern können. Der in Kairo definierte Ansatz verknüpft Sexualität, Reproduktion und Gesundheit mit den allgemeinen Menschenrechten und hat sich, soweit er aufgrund der vorhandenen Mittel umgesetzt werden konnte, für die Stärkung sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechte von Frauen als erfolgreich erwiesen. Autonomie und Menschenwürde sind zentrale Werte für die sexuelle und reproduktive Gesundheit von Frauen und Männern und haben direkte Auswirkungen auf das allgemeine Wohlbefinden der Menschen.

Die Umsetzung dieses Konzepts ist aber in Gefahr, da die Industrieländer nicht die von ihnen versprochenen Beiträge leisten und es dadurch zu Versorgungsengpässen bei den verschiedenen Verhütungsmethoden kommt.

Umwelttrends

Die erneuerbaren natürlichen Süßwasservorkommen werden zu 54 Prozent derzeit genützt und die Nutzung könnte bis 2025 auf 90 Prozent ansteigen. 1,1 Millionen Menschen haben heute keinen Zugang zu sauberen Wasser. 508 Millionen Menschen leben in Gebieten, wo pro Person weniger als 50 Liter pro Tag zur Verfügung stehen. In Städten Chinas, Lateinamerikas und Südasien fällt der Grundwasserspiegel pro Jahr um mehr als einen Meter aufgrund von nicht nachhaltiger Wasserentnahme. In 65 von 105 Entwicklungsländern hinkt die Nahrungsmittelproduktion hinter dem Bedarf her. 815 Millionen Menschen sind chronisch unterernährt und die Ernährung von zwei Milliarden Menschen ist nicht gesichert. Da kaum noch zusätzliche Anbauflächen erschlossen werden können, müssen die Ertragssteigerungen durch den Einsatz zusätzlicher mit Nebenwirkungen einhergehenden Düngermittel und kostspieligen Bewässerungsanlagen erwirtschaftet werden.

Die Emission von Kohlendioxyd hat seit 1900 um das Zwölffache zugenommen (von 534 Mill. auf 6,69 Mrd. Tonnen). Zu Beginn des 21.Jhdts. werden sich auch die von den Entwicklungsländern produzierten Treibhausgas-Emissionen dem Niveau derer der Industrieländer annähern.

Die Abholzung der tropischen Wälder, die derzeit noch etwa 50% der noch erhaltenen Tiere- und Pflanzenarten beheimaten, könnte in den nächsten 25 Jahren - sofern unvermindert vorangetrieben - Ursache für das Verschwinden von 60.000 Pflanzensorten sein. Der Verlust der genetischen Vielfalt wildlebender Verwandten unserer Kulturpflanzen würde die durch Einkreuzungen bewirkte stärkere Resistenz gegen Schädlinge, Pflanzenkrankheiten aber auch Ertragssteigerungen nicht mehr ermöglichen.

Entwicklung, Armut und Umweltfolgen

Trotzdem die Globalisierung das wirtschaftliche Wachstum stimuliert hat, haben sich aber auch die globalen Einkommensungleichheiten verschärft und 1,2 Milliarden Menschen fristen ihr Dasein mit weniger als USD 1,- pro Tag. Durch den Kampf um ausreichende Ernährung und den Gebrauch technologisch ineffizienter Energiequellen bei den ärmeren Bevölkerungsschichten steigt der Druck auf die sensiblen ökologischen Ressourcen. Die steigende Urbanisierung (afrikanische Städte wachsen jährlich um 4 Prozent) bewirkt, dass in den nächsten 30 Jahren die Stadtbevölkerung von 1,9 auf 3,9 Milliarden Menschen zunehmen wird. Diese Menschen erhoffen in Städten bessere Chancen am Arbeitsmarkt und Zugang zu sozialen Dienstleistungen. Aufgrund der unzureichenden infrastrukturellen Ausstattung wirken sich in diesen teilweise informellen Agglomerationen Naturkatastrophen verheerend aus. Durch den Zuzug in die Städte und durch deren Ausbreitung geht verfügbares Ackerland verloren, der Ausstoß von Treibhausgasen und Luftschadstoffen erhöht sich und der Gesundheitssektor kann mit dem urbanen Wachstum nicht mithalten. Im 20.Jahrhundert stieg der Verbrauch von Waren und Dienstleistungen auf ein einmaliges Niveau, die entstandene "Konsumlücke" - der Abgrund, der zwischen Arm und Reich klafft - ist so breit wie nie zuvor. Die Produktion von Waren, die in den Industrieländern konsumiert werden, verschlingt immense Mengen an natürlichen Ressourcen, die zu einem erheblichen Teil in den Entwicklungsländern gewonnen/erzeugt werden.

Laut der Weltbank waren 1998 25 Millionen Menschen aufgrund von Umweltzerstörungen auf der Flucht. Damit überstieg die Zahl der Umweltflüchtlinge erstmals die Zahl der Kriegsflüchtlinge. Diese steigende Zahl haben signifikante ökonomische, soziokulturelle und politische Konsequenzen. Gegenwärtig geben die Industrieländer USD 8 Milliarden jährlich für die Versorgung von Flüchtlingen aus (= ein Siebtel der gesamten Mittel der Entwicklungshilfe.

Frauen und Umwelt

Die gesellschaftlich definierten Geschlechterrollen legen die Verantwortung für das Management der essentiellen Haushaltsressourcen in den Händen der Frauen aber verwehren ihnen den Erwerb bzw. die Vererbung von Grund und Boden. Hand in Hand geht damit häufig die Vorenthaltung anderer Grundrechte. Die Teilnahme an Maßnahmen zur Förderung nachhaltiger Anbaumethoden und Landnutzung ist Frauen nicht zugänglich, obwohl sie z.B. in Südostasien 90 Prozent der Arbeitskräfte im Reisanbau stellen (weltweit sind 51 Prozent der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft Frauen) und Haushalte in den ärmsten Ländern zu einem Viertel von ihnen geleitet werden. Frauen neigen eher dazu nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben und die Qualität der Böden insgesamt zu erhalten.

Gesundheit und Umwelt

Die Gesundheit und die Lebenserwartung hängen stark von den Umweltbedingungen und deren Veränderungen ab. Somit beeinflussen sie auch die reproduktive Gesundheit und die sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsaussichten. Jährlich sterben 12 Millionen an verschmutztem Trinkwasser, 90 Prozent der Malariainfektionen und 90 Prozent der Durchfallserkrankungen könnten durch einfache ökologische Interventionen vermieden werden. Die Migration und der Handel zwischen ländlichen und städtischen Gebieten tragen ebenfalls zur Ausbreitung von Krankheiten bei.

Die Luftverschmutzung fordert jährlich zwischen 2,7 und 3 Milliarden Tote weltweit. In Europa leiden 10-20 Prozent der Kinder an Atemswegerkrankungen, die ihre Ursache in der Emission von Schwefeldioxide, Kohlenmonoxide, Ozon Blei etc. haben. Aufgelöst in Niederschlägen als saurer Regen auftretend schädigen diese Schadstoffe neben Gebäuden auch die biologische Produktivität von Böden und Wasserläufen.

Endokrin wirksame Umweltchemikalien (wie Pthalate, PCB, Dioxine und Pestizide) finden über die Nahrungsmittelkette ihren Weg in den menschlichen Körper. Sie greifen in den Hormonhaushalt ein und können Unfruchtbarkeit bei Frauen, Fehlgeburten, reduzierte Spermienzahl bei Männern, Hoden- und Prostatakrebs, verfrühtes Einsetzen der Pubertät bei Mädchen, Brust- Eierstock- und Gebärmutterkrebs bewirken.

Die wirksamsten Medikamente der modernen Medizin basieren aus Stoffen, die aus Pflanzen und Tieren gewonnen wurden -von Lebewesen, die vor allem in tropischen Regionen mit einer hohen Artenvielfalt leben, die einem steigenden Druck durch den Menschen ausgesetzt sind. Eine höhere Pflanzenvielfalt auf einem Feld kann die Erträge und die Widerstandskraft gegenüber Schädlingen steigern - dieses Wissen, das von traditionellen Kulturen lange genutzt, ist aber durch die Suche nach kostengünstigeren Methoden der Nahrungsmittelproduktion in Vergessenheit geraten.

Die Ursachen und Folgen von HIV/AIDS sind eng mit Armut, Unterernährung, Gleichstellung der Geschlechter und unsichere Einkommensverhältnisse verbunden. Die AIDS Pandemie entzieht der Landwirtschaft geschulte Arbeitskräfte, konfrontiert Frauen mit zusätzlichen Aufgaben wie der des Haushaltungsvorstandes und hat massive Auswirkungen auf das kommunale Netz, das durch die Versorgung der zurückbleibenden AIDS-Waisen und Alten schwer belastet wird.

Maßnahmen für eine nachhaltige und gerechte Entwicklung

Die Internationale Gemeinschaft anerkennt, dass die wirtschaftliche Entwicklung, der Zustand der Umwelt, die Gesundheit von Männern, Frauen und Kindern und der Status der Frauen eng miteinander verbunden sind. Der Status von Frauen entscheidet erheblich über Entwicklungsfortschritte, wobei Zugang zu reproduktiven Gesund-heitsdiensten zur Statusverbesserung signifikant beitragen.

Der Finanzbedarf für Programme der reproduktiven Gesundheit wurde von der Internationalen Konferenz für Bevölkerung und Entwicklung (1994) für das Jahr 2000 auf USD 17 Mrd. geschätzt. Der Beitrag der internationalen Geberländer (USD 5,7 Mrd.) blieb unter den gemachten Zusagen. Versorgungsengpässe mit Verhütungsmethoden sind eine Folge, der unzureichenden Förderungsmittel.

Zusätzliche Investitionen sind notwendig um positive Synergien der Bevölkerungs-, Umwelt- und Entwicklungs-trends zu erzielen:

  • Umsetzung des Aktionsplan der Internationalen Konferenz für Bevölkerung und Entwicklung
  • Anreize für nachhaltige Produktionsprozesse
  • Bessere Informationen zur Umsetzung für nachhaltige Bevölkerungs-, Entwicklungs- und Umweltschutz-strategien
  • Umsetzung der internationalen Vereinbarungen zur Bekämpfung der Armut und Förderung der sozialen Entwicklung (red)
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