Sagt einer "Geh scheißen", bleibt Stuchlik da

7. November 2001, 13:10
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Haider hat dafür gesorgt, dass Schiedsrichter ein Thema sind

Christian Hackl

Wien - Fritz Stuchlik fühlt sich persönlich überhaupt nicht betroffen. Weil er kein Ganove ist. Der Herr Haider sei eben Populist. Die Vorwürfe seien derart absurd, "dass ich darüber nicht nachdenke. Schiedsrichter sind einiges gewöhnt. Es gibt aber schon einen Unterschied zu anderen Vorfällen. Noch nie wurde dem gesamten Berufstand Käuflichkeit nachgesagt." Er, Stuchlik, fordere auch keine Entschuldigung von Haider, die Bundesliga habe ja Anzeige beim Ethikkomitee erstattet.

Stuchlik ist also Schiedsrichter. Einer der besten in Österreich. Deshalb ist er auch einer von sieben, die international pfeifen dürfen. Und die FIFA muss ja wissen, wen sie nimmt. Er ist erst 35 Jahre alt, hat 1982 den Kurs belegt, debütierte 1992 in der Bundesliga, die Karriere war steil. "Weil ich Ehrgeiz habe." Den typischen Schiri, so Stuchlik, gebe es nicht. "Wir haben Lehrer, Ärzte, Beamte, Arbeiter, das geht quer durch alle Schichten." Er selbst hat die HAK-Matura abgelegt und ist insofern atypisch, "weil ich davon lebe". Nicht von der HAK-Matura. Stuchlik ist bei der Bundesliga angestellt und zuständig fürs Schiedsrichterwesen.

Die Motivation

Weshalb er werden wollte, was er heute ist, erklärt er so: "Mich hat das Regelwerk fasziniert, ich hatte Freude am Fußball." Stuchlik kickte einst in der Wiener Liga bei Helfort. "Es ist ein Blödsinn, wenn man behauptet, dass Schiedsrichter gescheiterte Fußballer sind. Ich habe die Faszination dieses Sports erst viel später entdeckt." Sollte es Eigenschaften geben, die ein fähiger Referee mitbringen soll, wären das folgende: "Du musst dich durchsetzen können. Du musst Entscheidungen treffen, darfst dich nicht beeinflussen lassen."

Harte Bandagen in unteren Regionen

Stuchlick besteht darauf, "dass ich keine masochistische Ader habe." Soll heißen: Ihm taugt es nicht, "wenn 10.000 ,schwarze Sau' schreien. Aber mir ist es egal. Ich kenne die Leute ja nicht, es ist eine anonyme Masse, du schaust ihnen ja nicht in die Augen." Insofern sei es fast unangenehmer, in den niedrigen Klassen zu pfeifen. In Dörfern, in Wiener Gemeindebezirken, an Orten, wo gerade Kirchtag ist. "150 Zuschauer sind konkreter." Als es einst für einen Kollegen irgendwo im hintersten Wien eng wurde und der einen Ordner ersuchte, er möge doch die Polizei rufen, meinte dieser. "Du brauchst ka Polizei, sondern an Notarzt." Der Kollege überlebte ohne Arzt und Kieberer. Stuchlik selbst hat sich auf Fußballplätzen noch nie wirklich gefährdet gefühlt.

Das Leben mit dem Irrtum

Schiedsrichter irren. Weiß nicht nur Jörg Haider. Der Umgang mit den eigenen Fehlern sei, so Stuchlik, "eine Sache, die du selbst lösen musst". Es gehe darum, "Lehren zu ziehen. Du musst nach den Ursachen forschen. Bist du vielleicht nicht nahe genug am Tatort gewesen, dann musst du schneller laufen." Stuchlik hat vor Jahren statt Abstoß für Sturm Eckball für den GAK gegeben. Worauf der GAK das Tor schoss. Es geschah in letzter Minute. "Im Fernsehen habe ich dann gesehen, dass ich falsch gelegen bin. Aber die Wahrnehmung war eben so. Ein Stürmer, der das leere Tore nicht trifft, bringt sich auch nicht um." Am Leben mit Irrtümern würden auch hauptberufliche Schiris nichts ändern. "Man muss sich von der Vorstellung lösen, dass Profis keine Fehler machen. Die Fußballer sind das beste Beispiel."

Nichts für ungut

Sagt einer "Geh scheißen" zu Stuchlik, bleibt Stuchlik da und zückt die rote Karte. "Und das Problem ist gelöst. Du darfst nicht nachtragend sein." Es gehe auch nicht darum, Macht auszuüben. "Was habe ich davon, wenn ich einen Star ausschließe." Am Wochenende pfeift er in der Stadtliga das Match Favoriten gegen Simmering. "Kein Problem, mich zu motivieren. Für diese Leute ist das so wichtig wie für Beckham ein Spiel gegen Liverpool." Er wäre eine Ganove, "würde ich das anders sehen".

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 7.11. 2001)
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