Osteuropa-Forscher Richard Georg Plaschka gestorben

6. November 2001, 14:52
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Mitbegründer des Südosteuropa-Instituts und ehemaliger Rektor der Uni Wien

Wien - Richard Georg Plaschka, Mitbegründer und langjähriger Leiter des Österreichischen Ost- und Südosteuropa-Instituts und ehemaliger Rektor der Universität Wien, ist tot. Der Historiker gilt als Spezialist der Geschichte der Slawen in der Habsburgermonarchie sowie der sozialen und nationalen Voraussetzungen der Krisenerscheinungen vor und im Ersten Weltkrieg. Wie die Tageszeitung "Die Presse" in ihrer Dienstag-Ausgabe meldet, findet die Beerdigung am 9. November, 11.30 Uhr in Bernhardsthal (Niederösterreich) statt.

Lebenslauf

Auf Burg Vöttau im unmittelbaren Grenzbereich tschechischen und deutschmährischen Siedlungsgebiets am 8. Juli 1925 geboren, wuchs Plaschka in einer zweisprachigen Umwelt auf. Das Nebeneinanderleben, Miteinanderauskommen und Sichverstehen der Völker in diesem relativ kleinen Raum prägte seine spätere Karriere entscheidend. Ein Credo bei seiner Beschäftigung mit Südosteuropa lautet: "Nationalistische und ideologische Einseitigkeit müssen überwunden werden."

Er besuchte die Schule in Vöttau und Znaim, erlebte als Soldat der Deutschen Wehrmacht die letzten Kriegsjahre und nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Vertreibung der deutschen Südmährer. Plaschka absolvierte - als Werkstudent im Wirtschaftsverlag journalistisch tätig - sein Geschichtsstudium an der Universität Wien und wurde 1954 promoviert. Seiner Dissertation "Von Palacky bis Pekar, Geschichtswissenschaft und Nationalbewusstsein der Tschechen" folgte eine Fülle von Arbeiten, die der Geschichte der Slawen in der Habsburgermonarchie, den Revolutions-Bewegungen sowie der Rolle der Marine im revolutionären Kampf und als Instrument gegenrevolutionärer Interventionspolitik von Großmächten gewidmet waren.

1958 wurde Plaschka zum Leiter der "Arbeitsgruppe Ost" bestellt. Aus dieser Gruppe ging 1964 das Österreichische Ost- und Südosteuropainstitut hervor, dem Plaschka 28 Jahre lang einen großen Teil seiner Schaffenskraft widmete. 1962 habilitierte sich der Historiker für allgemeine Geschichte der Neuzeit, fünf Jahre später wurde er zum ordentlichen Professor der West- und Osteuropäischen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der West- und Südslawen und gleichzeitig zum Vorstand des Instituts für osteuropäische Geschichte und Südostforschung an der Uni Wien ernannt.

Unverkennbar war in Plaschkas Forschungs- und Lehrtätigkeit sein Bemühen, verhärtete nationale Fronten in der Geschichtsbetrachtung aufzubrechen und einseitige Stellungnahmen, verursacht durch starre Trotzhaltungen der Besiegten oder plumpen Hochmut der Sieger, zu überwinden, schreibt der Historiker Erich Zöllner. Sein Interesse an den Ereignissen am Ende der Habsburgermonarchie gipfelte in dem gemeinsam mit seinen beiden Schülern Horst Haselsteiner und Arnold Suppan verfassten zweibändigen Werk "Innere Front. Militärassistenz, Widerstand und Umsturz in der Donaumonarchie 1918".

Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Doch Plaschka, der 1982 zum wirklichen Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und 1981 zum Rektor der Universität Wien sowie zum Vorsitzenden der Österreichischen Rektorenkonferenz gewählt wurde, ging es nicht nur um die Analyse von Konfliktsituationen. Er wollte auch die geistigen Wechselbeziehungen zwischen Mittel- und Osteuropa, insbesondere vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg entsprechend würdigen. Dies hat das Mitglied mehrerer vor allem osteuropäischer Akademien der Wissenschaften und Träger zahlreicher Auszeichnungen, darunter der Große Kardinal Innitzer-Preis, in seinem Werk "Wegenetze europäischen Geistes. Wissenschaftszentren und geistige Wechselbeziehungen zwischen Mittel- und Südosteuropa" getan.

Solche Wegenetze geistiger Wechselbeziehungen hat Plaschka Zeit seines wissenschaftlichen Lebens aufgebaut und beschritten. Schon in den sechziger und siebziger Jahren führte er seine Studenten in Exkursionen nach Böhmen, in die Slowakei, nach Ungarn, in die Vojvodina, nach Mähren, durch ganz Jugoslawien und sogar nach Albanien. Für ihn hatte Geschichte nicht nur eine Bildungsaufgabe, sondern sollte auch Orientierung geben, Standpunkte erarbeiten und Warnungen für Gegenwart und Zukunft aussprechen. (APA)

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