Kucan bedauert Verzögerungen bei EU-Verhandlungen Sloweniens

6. November 2001, 14:13
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Slowenischer Präsident in Wien

Wien - Der slowenische Präsident Milan Kucan hat am Dienstag Kritik an der Haltung Österreichs bei den EU-Beitrittsverhandlungen mit Slowenien geübt: "Wir hätten einige Verhandlungskapitel bereits abschließen können, wenn der Dialog zwischen Wien und Laibach produktiver gewesen wäre", spielte Kucan bei einem Pressegespräch mit Bundespräsident Thomas Klestil auf die Blockade des Verkehrskapitels durch Österreich an.

Zu der umstrittenen Frage der AVNOJ-Beschlüsse meinte Kucan, die Zeit sei reif, die Geschichte den Historikern zu überlassen. Slowenien sei aber bereit, individuelle Schuld wiedergutmachen.

Slowenien verstehe, dass Österreich eine Diskussion über die Verkehrspolitik in der EU wünsche. "Wenn Österreich den Beitritt Sloweniens beschleunigt, dann wird es bereits zwei Staaten in der EU geben, die sich eine andere Verkehrspolitik wünschen", gab der slowenische Präsident zu bedenken. Kucan warnte, dass die Straße zwischen Österreich und Slowenien zwar in beide Richtungen führe, "es gibt aber eine Verengung, und dort muss man eine Ausweichstelle bauen, damit es keinen Zusammenstoß gibt".

Klestil betonte nach dem Gespräch mit Kucan seine "vorbehaltlose Unterstützung" für den EU-Beitritt Sloweniens. Hinsichtlich der bilateralen Probleme zwischen Österreich und Slowenien meinte Klestil, man sei "auf einem guten Wege".

Die beiden Präsidenten besprachen auch die internationale Lage nach dem 11. September. "Die terroristischen Anschläge zwangen uns die Welt so zu sehen, wie sie ist, nicht, wie wir sie uns wünschen", forderte Kucan einen globalen Dialog zwischen den "verschiedenen Zentren der menschlichen Zivilisation". Damit Europa daran teilnehmen könne, müsse es aber zuerst einen innereuropäischen Dialog entwickeln.

Die Europäer sollten sich nicht mehr vornehmlich als Deutsche, Österreicher, Engländer oder Slowenen begreifen, sondern als Europäer. Klestil meinte, in den Terroranschlägen liege auch eine Chance, weil wir es nun nicht mehr mit einer unipolaren, sondern einer multipolaren Welt zu tun haben, in der China, Russland und auch Europa eine Rolle spielen können.

Weitere Gesprächsthemen waren die Lage auf dem Balkan. Kucan sprach sich dafür aus, den dortigen Völkern "eine europäische Perspektive zu geben".

Am Nachmittag trifft Kucan mit Nationalratspräsident Heinz Fischer (S) sowie dem Präsidenten des Verfassungsgerichtshofes (VfGH), Ludwig Adamovich, und Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) zusammen. Morgen steht ein Gespräch mit Außenministerin Benita Ferrero-Waldner (V), dem Wiener Bürgermeister Michael Häupl (S), sowie SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer auf dem Programm. Am Mittwoch Nachmittag nimmt Kucan an einem Wirtschaftskongress teil, wo er mit Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (V) zusammentreffen und einen Vortrag halten wird. (APA)

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