Rudolph Giuliani: New Yorks Bürgermeister tritt als Volksheld ab

6. November 2001, 13:14
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Stütze in New Yorks schwierigster Zeit nach den Terroranschlägen vom 11. September

New York - Wenn die New Yorker am Dienstag ihren neuen Bürgermeister für die nächsten vier Jahre wählen, steht der Wunschkandidat vieler nicht auf der Kandidatenliste: Rudolph Giuliani tritt nach acht Jahren in der City Hall ab. Die zwei Amtsperioden des Republikaners waren von einem Auf und Ab in der Gunst seiner Mitbürger gekennzeichnet. Doch in den beiden Monaten nach dem 11. September, dem Datum das die Stadt für immer veränderte, hat Giuliani die Herzen der New Yorker erobert.

Giuliani war in der City Hall, als die von Terroristen gelenkten Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Centers krachten. Das Rathaus der Stadt liegt im Südteil von Manhattan, nur wenige Blocks von den Zwillingstürmen entfernt. Der Bürgermeister eilte sofort zum Ort der Katastrophe, um persönlich die Rettungsarbeiten zu koordinieren.

Als Giuliani dann die ersten öffentlichen Erklärungen abgab, zeigte der sonst meist eher kalt und fast zynisch wirkende Mann Gefühle. Er musste den Tod des mit ihm befreundeten Chefs der New Yorker Feuerwehr, Peter Ganci, und vieler Anderer bekanntgeben, mit denen er eng zusammengearbeitet hatte. Und er musste die New Yorker auf den Verlust tausender Menschen durch den "teuflischen Anschlag" vorbereiten - sowie darauf, dass die meisten Toten in dem Trümmerhaufen nie gefunden werden können.

In den ersten Tagen nach den Terroranschlägen war Giuliani landes- und weltweit fast präsenter als US-Präsident George W. Bush. Während das öffentliche Auftreten des Präsidenten wegen Sicherheitsbedenken anfangs stark eingeschränkt wurde, trat Giuliani immer wieder vor die Kameras, um die neuesten traurigen Nachrichten zu verkünden, aber auch um die geschockten Bürger wieder zu beruhigen und zu ermutigen, ihr Leben fortzusetzen.

Den bald einsetzenden Strom der ausländischen Besucher, die die Katastrophenstätte besuchten, der Stadt ihr Beileid aussprachen und Solidarität im Kampf gegen den Terror bekundeten, bewältigte der Bürgermeister souverän. Weltweit für Schlagzeilen sorgte Giuliani, als er die Millionenspende des saudischen Prinzen El Walid einfach zurückwies, weil dieser gleichzeitig mit der Geldgabe die Nahost-Politik der USA kritisiert hatte und so eine politische Begründung für den Terror hergestellt hatte. Auch die Eröffnungsrede bei der UNO-Generalversammlung in New York, in der er einen bedingungslosen weltweiten Kampf gegen den Terrorismus forderte, hob Giuliani weit über die Kommunalpolitik hinaus.

"Rudy the Rock" galt bis zum 11. September als wegen seiner Verdienste zwar akzeptierter, aber von vielen nicht geliebter Bürgermeister. Er hatte energisch die Kriminalität in der Millionenstadt bekämpft ("zero tolerance") und der Polizei dabei weitgehend freie Hand gelassen. Gleichzeitig wurde sein Vorgehen aber auch oft als minderheitenfeindlich und gnadenlos kritisiert, der Tod eines Unbeteiligten bei einem Polizeieinsatz und Misshandlungen im Polizeigewahrsam brachten ihm harsche Kritik ein. Auch wegen der Trennung von seiner Frau war der katholische Konservative, der ursprünglich Priester werden wollte, in die Schlagzeilen gekommen. Punkte machte er immer mit seiner unverhohlenen Begeisterung für die "Yankees", das Baseballteam der Stadt.

Doch sein Verhalten nach dem 11. September war für viele New Yorker so eine Stütze, dass Rufe nach einer Verlängerung der Amtszeit von "Rudy the Rock" laut wurden. Nach anfänglichen Erwägungen, dies durch eine Gesetzesänderung möglich zu machen, verzichtete Giuliani aber darauf und konzentrierte sich auf die Nachfolgeregelung. In der Endphase des Wahlkampfs unterstützte er voll den republikanischen Kandidaten, Mike Bloomberg. Der Fernsehspot, in dem Giuliani für die Wahl des Medienmagnaten auftritt, wirkt wie eine Abschiedsrede - und enthält auch eine bedingungslose Liebeserklärung an New York. Lächelnd, mit einer amerikanischen Fahne ans Revers geheftet, spricht Giuliani aus, was alle schon wissen: "Ich liebe diese Stadt". (APA/dpa)

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