"Wesentlich mehr Fälle als einst angenommen" ... und 60 Fragen

8. November 2001, 18:18
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Provenienzforschung: Kein Ende in Sicht

Analyse von Thomas Trenkler


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60 Fragen der Grünen an Mailath-Pokorny

Wien - Vor etwas mehr als drei Jahren, als die Bundesregierung das Kunstrückgabegesetz beschloss, lag für Kulturministerin Elisabeth Gehrer (VP) der Zeitpunkt, bis zu dem "reiner Tisch" gemacht sein sollte, bei der Jahrtausendwende. Jetzt aber musste sie einbekennen, was Eingeweihten schon von Anfang an klar war: "Es handelt sich um wesentlich mehr Fälle, als ursprünglich angenommen."

Es geht um Abertausende Kunstwerke, die den Besitzern in der NS-Zeit gestohlen und nie restituiert oder in der Nachkriegszeit abgepresst wurden. Um wie viele Fälle es sich handelt, verschweigt Gehrer aber in ihrem neuen "Bericht über die Rückgabe von Kunstgegenständen aus den Österreichischen Bundesmuseen und Sammlungen", der am Mittwoch im parlamentarischen Kulturausschuss behandelt wurde.

Waren bis zum Dezember 1999 vor allem die bekannten Fälle behandelt worden (wie z.B. Rothschild), so folgten im darauf folgenden Jahr eine Vielzahl kleinerer: 255 Objekte und eine respektable Münzsammlung wurden restituiert oder zur Restitution freigegeben. An die Erben nach Elizabeth Bondy, Hugo Breitner, Wilhelm Goldenberg, Moritz König, Oskar Pöller, Otto Brill, Valerie Eisler, Emil Stiassny, Heinrich Rothberger, Rudolf Bittmann, Leo Fürst, Siegfried Laemmle etc.

Der Wert der rückgestellten Objekte ging - wie schon im Jahr davor - in die Milliarden. Schließlich erhielten/erhalten zum Beispiel die Erben nach Jenny Steiner, Nora Stiasny und Hermine Lasus aus der Österreichischen Galerie die Klimt-Werke Landhaus am Attersee, Apfelbaum II, Bauernhaus mit Birken und Dame mit Federboa zurück.

Die Tätigkeiten der Stadt Wien nehmen sich im Vergleich dazu eher bescheiden aus: Seit 1999 wurden nur 18 Fälle behandelt, in sieben von diesen erfolgte eine Rückstellung. Dabei ist die Zahl der Objekte, deren Erwerb zu prüfen ist, gewaltig: Allein im Historischen Museum inventarisierte man in der NS-Zeit mehr als 18.000 Objekte.

148 von diesen wurden bisher (zusammen mit einer lobenswert ausführlichen Beschreibung) ins Internet gestellt: Es handelt sich um Ankäufe bei der Vugesta, jener Organisation der Wiener Frächter, die das Umzugsgut der Juden verscherbelte. Aber auch die Ankäufe beim Dorotheum (700 Objekte) müssten längst veröffentlicht werden: Weil man von einer Unbedenklichkeit des Ankaufs in keinem Fall ausgehen kann.

Und der Bericht, den Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) am Dienstag dem Kulturausschuss zur Kenntnis brachte, enttäuscht. Weil er, wie die Grünen kritisierten, sehr vage formuliert ist, beschönigt und Schlampigkeitsfehler aufweist. Marie Ringler, die Kultursprecherin der Grünen, brachte daher eine Anfrage ein, mit deren Beantwortung Mailath länger zu tun haben wird. Schließlich werden insgesamt 60 Fragen gestellt.

Und diese sind berechtigt. Denn Ringler will z.B. wissen, auf welcher Grundlage bis dato 769 Fälle als "unbedenklich" eingestuft wurden. Und wie es passieren konnte, dass Tausende Gegenstände jahrzehntelang als "Kriegsverluste" geführt wurden - obwohl sie immer vorhanden waren.

WEB-TIPP: www.museum.vienna.at
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 11. 2001)

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