Tschechisches Deutsch

6. November 2001, 17:24
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Ein ehrgeiziges Drei-Länder-Projekt konserviert deutsche Dialekte aus Tschechien für die Nachwelt

Wien - Mit Entzücken erinnert sich die junge Sprachforscherin an ihren bislang größten Coup: "Ich hatte nur gehört, dass die Frau noch Deutsch sprach." Doch es erschien der Ehemann an der Tür: "Jessas, mir san grod beim Hendlrupfm!" Dass sie in ihrer südmährischen Feldforschung noch einen ganzen deutschsprachigen Haushalt finden würde, damit hatte Renée Fürst nicht gerechnet. Mit acht anderen Dialektologen aus Deutschland und Tschechien durchkämmt die Österreicherin das Grenzgebiet der tschechischen Republik zum deutschsprachigen Raum nach so genannten "Heimatverbliebenen". Deren aussterbende Mundarten sollen für die Nachwelt dokumentiert werden.

Die Forschungsergebnisse werden in ein deutsch-österreichisch-tschechisches Gemeinschaftsprojekt, den "Atlas der historischen deutschen Mundarten auf dem Gebiet der Tschechischen Republik", einfließen, der vom Wissenschaftsfonds (FWF) mitfinanziert wird. Wegen der anderssprachigen Umgebung haben sich im Randgebiet zum slawischen Raum Eigenheiten deutscher Dialekte besser erhalten als im einsprachigen Bereich, wo Unterschiede schnell verschwimmen.

Die daraus resultierende Dialektvielfalt erlaubt Rückschlüsse auf die deutsche Mundartentwicklung. Aus der gegenseitigen Beeinflussung von Deutsch und Tschechisch lassen sich Erkenntnisse über sprachliche und kulturelle deutsch-slawische Wechselwirkungen ableiten.

Bei der Volkszählung von 1930 lebten in Südmähren noch 86 Prozent Deutschsprachige. Weitere elf Prozent waren Tschechen, zwei Prozent Juden und ein Prozent Kroaten. Nach dem aktuellen Stand sind die rund 200.000 Einwohner des 140 Kilometer langen und 30 Kilometer breiten Landstrichs an der tschechisch-österreichischen Grenze zu über 99 Prozent tschechischsprachig. Für Fürst, die ihre "Exploration" im heurigen Frühjahr begonnen hat, stand zunächst nicht einmal fest, ob sie überhaupt noch geborene Deutschsprachige finden würde.

Nach ersten Erfolgen beim Durchfragen von einem Deutsch-Mährer zum nächsten ist die Sprachforscherin zuversichtlicher. Zumindest eine "Gewährsperson" hofft sie in jedem der 70 Planquadrate auszukundschaften, in die sich das südmährische Forschungsareal gliedert.

Die Wissenschafterin verfügt über ein besonderes Erhebungsinstrumentarium, um jeden Sprachlaut abzuklopfen und lautschriftlich wie auch digital aufzunehmen. Die Interviews umfassen zwischen 800 und 2000 Fragen zu Phonetik, Wortbildung sowie Syntax und dauern drei bis sieben Tage. Über ihr geschultes Gehör setzt die Dialektologin eine mentale Landkarte zusammen, auf der kleinste sprachliche Einflüsse örtlich zugeordnet werden.

Die Geschichte der deutschen Sprache in Böhmen und Mähren begann vor 800 Jahren, als lokale Gutsherren deutsche Siedler in das böhmische Königreich holten. Von der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkriegs blieben nur die Partner oder Kinder aus tschechisch-deutschen Mischehen ausgenommen. Sie benützten Deutsch fortan als Geheimsprache, die sie nicht einmal an die eigenen Kinder weitergaben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 11. 2001)

Ein ehrgeiziges Drei-Länder-Projekt konserviert deutsche Dialekte aus Tschechien für die Nachwelt. Denn bald wird in Böhmen und Mähren das letzte Lebenszeichen 800-jähriger deutscher Kolonisation verschwunden sein.

Von STANDARD-Mitarbeiterin Johanna Geissler
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    grafik: der standard

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