"Allianzfreie Akteure sind nötig" - Von Josef Ertl

5. November 2001, 20:52
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Finnland begrüßt die Nato, will ihr aber vorerst nicht beitreten

Helsinki/Wien - "Für uns ist die Nato der wichtigste Sicherheitsfaktor in Europa. Wir wollen die Amerikaner, wir unterstützen sie." Pertti Torstila, Staatssekretär im finnischen Außenministerium, legt ein klares Bekenntnis zum nordatlantischen Verteidigungsbündnis ab. Obwohl Finnland seine eigene Position als allianzfrei definiert. Torstilas Begründung: "Die EU ist als Sicherheitsfaktor ohne die Nato leer."

Aber Finnland brauche die Nato nicht und die Nato brauche umgekehrt Finnland nicht. Finnland sei in der Lage, innerhalb weniger Tage eine halbe Million Soldaten zu aktivieren. Denn im Winterkrieg gegen Russland während des Zweiten Weltkriegs habe das Land gelernt, dass man nur dann sicher sei, wenn man auf die eigene Stärke setzen könne. Ähnlich wie in Österreich wird von den Finnen ein Nato-Beitritt klar abgelehnt. Laut einer aktuellen Umfrage sind 74 Prozent dagegen. Der Prozentsatz ist aufgrund des Kriegs in Afghanistan gestiegen.

Torstila zeigt sich überzeugt, dass Europa verschiedene Akteure benötige. Das habe sich beispielsweise in der Kosovo-Krise gezeigt, als der damalige Diktator Slobodan Milosevic Martti Ahtisaari als Verhandler des Westens akzeptiert habe, einen Vertreter eines Nato-Landes jedoch nicht. "Neutrale bzw. allianzfreie Akteure werden gebraucht. Wir wollen unsere Rolle sehr verantwortungsbewußt spielen." Während in Europa die Nato für die "hard elements" in Sicherheitsfragen (militärische Angelegenheiten) zuständig sei, kümmere sich die EU um die "soft elements" (Kampf gegen Drogen, Geldwäsche, Menschenhandel, etc.).

Dennoch setzt Finnland selbst in militärischen Fragen auf internationale Zusammenarbeit. Gemeinsam mit Schweden und Norwegen wurden 80 Hubschrauber angekauft. "Vor allem die Kooperation mit den nordischen Staaten wird ausgebaut", so Verteidigungsminister Jan-Erik Enestam. Die nordischen Staaten stellen für internationale Friedenseinsätze eine gemeinsame Brigade (3500-4000 Mann) auf. Die Finnen beteiligen sich auch an der Erstellung der 60.000 Soldaten umfassenden Eingreiftruppe. "Das ist aber keine Militärallianz, sondern eine Truppe für Krisenintervention", so Torstila.

Die Finnen begrüßen einen Nato-Beitritt der drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Torstila: "Jedes Land hat das Recht, über seine eigene Sicherheit zu entscheiden, in einer Allianz oder außerhalb." Das sei im Helsinki-Abkommen festgelegt. Man müsse dieses Sicherheitsbedürfnis der Balten, das vornehmlich in der Abgrenzung gegenüber Russland liege, akzeptieren.

Das Nein der Finnen zur Nato ist kein definitives. Die Beitrittsfrage müsse, so Ministerpräsident Paavo Lipponen, 2004 neu beantwortet werden. Denn dann stehe die Entscheidung über eine umfassende Erneuerung militärischer Gerätschaften an. "Außerdem ist dieses Europa noch nicht fertig. Wir wissen zum Beispiel nicht, wie sich Russland entwickelt", betont Staatssekretär Torstila. Wladimir Putin, den Torstila für einen "ausgezeichneten Politiker" hält, habe signalisiert, dass er Russland nicht isolieren wolle. Putin wolle mit dem Westen und der EU kooperieren. Finnland arbeite mit Russland eng zusammen. Das sollte auch die EU tun. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 6.11.2001)

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