Krone für Grasser, Grasser für Krone

30. November 2001, 10:05
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6. November 2001

Die kritischen Leser dieser Kolumne zerfallen in zwei Gruppen. Den einen ist nie genug, was hier aus dem täglichen Angebot Hans Dichands selektiv serviert wird, den anderen erscheint es zu viel. Aber die wittern vielleicht doch nur eine Benachteiligung anderer Druckerzeugnisse dieses medialen Wunderlandes. Was ist da Wahrheit, was ist Gerechtigkeit? Natürlich, über vieles ließe sich schreiben, diese Woche etwa so nebenbei über den journalistischen Mundraub, den "Format" am "Falter" begeht, indem es auch schon Zitate von der Sprachhalde des Cineasten Rudolf John schürft, der Nonsense-Ikone des "Kurier". Diesen Claim hat aber seit langem das Wiener Stadtmagazin für sich abgesteckt, da greift man nicht hinüber, das gehört sich einfach nicht.

Oder, um bei "Format" zu bleiben, könnte man auf den moralischen Finger zeigen, den der Herausgeber rümpft, um zugleich auf die Verworfenheit des Schwesterblattes und die eigene Titelgeschichte über Margot Klestil-Löffler hinzuweisen: Im Gegensatz zu manchen anderen Medien hält sich FORMAT von jeher strikt an eine eherne Regel des klassischen Journalismus: Das Privatleben von Politikern hat privat zu bleiben, solange es keine politischen Implikationen hat.

Ja, über vieles ließe sich schreiben, wären da nicht zwei Umstände, die einen doch immer wieder veranlassten, der "Krone" den Lorbeer zu reichen: Sie unterhält mehr Leser als alle anderen österreichischen Tageszeitungen zusammen, und ihr Herausgeber - bemüht sich einfach mehr.

Dazu ein Beispiel, erst aus diesen Tagen. Ich rede nicht vom burgenländischen Landeshauptmann, der erst unlängst mit Hans Dichand ein Hundewohnheim eröffnete und sich letzten Freitag schon wieder ein Foto erstreichelte, auf dem er mit 1 Tier und 2 Damen aus der Tierecke des Blattes abgelichtet war. Es war auch höchste Zeit, denn Hans Niessl zögerte keine Sekunde, eine Patenschaft für einen unserer Schützlinge zu übernehmen.

Nein, ich rede vom Karl-Heinz Grasser-Festival, das zur Zeit in der "Krone" läuft. In der "Krone bunt" vom Sonntag durfte der Finanzminister, begleitet von Alpinisten des Blattes und natürlich vom ORF, einmal hoch hinaus, nämlich durchs Angstloch auf die Stefansdomspitze. Bestes Training für einen, der die Route durchs Angstloch zum Nulldefizit noch vor sich hat. "Ein befreiendes, beglückendes Gefühl" schwärmt Finanzminister Grasser auf der schmalen, achteckigen Plattform. . . Da relativieren sich schon alle Probleme, Budgetdefizit, Steuerreform", räumt Karl-Heinz Grasser in Schwindel erregender Höhe ein.

Warum er unter diesen Umständen nicht oben geblieben ist, damit sich sein Defizitschwindel relativieren kann? Beten könnte zu wenig sein, schadet aber nichts: Der Finanzminister legt seine Hand auf den abgegriffenen Kolomani-Stein mit dem Stoßgebet, das Null-Budgetdefizit möge halten . . . Aber keine Angst: Der Stephansdom, ein Bollwerk des christlichen Abendlandes, hat schon viele Stürme überstanden.

Kaum zu ebener Erd, durfte sich Grasser schon wieder um die "Krone" verdient machen. Montag fordert er auf einer Doppelseite weitgehende Reformen: "Wir brauchen ein Bundestierschutzgesetz". Dafür ist er zwar nicht zuständig, aber: Als Finanzminister hat Karl-Heinz Grasser schon oft mit guten Ideen und Problemlösungen abseits der vorgegebenen Pfade aufhorchen lassen. Wann eigentlich? Nun stellt sich der Politiker auf die Seite jener, die nicht für sich selber sprechen können.

Dort steht zwar schon der Niessl, aber Maggie Entenfellner macht 's wieder gut. Ihr raunt Grasser zu: "Es ist an der Zeit zu handeln. Auch Tiere haben einen Anspruch auf Grundrechte und müssen vor dem Gesetz gleich behandelt werden."

Ob mit Menschen oder ob untereinander, lässt der Dr. Doolittle aus der Himmelpfortgasse offen. Er gibt dem Tierschutz eine Chance. Ein gutes und aktuelles Beispiel dafür sei die Verwaltungsreform. Die Bundesstraßen sind nun in die Kompetenz der Länder übergegangen. Eine vernünftige Lösung, die man auch leicht in Sachen Tierschutz treffen könnte, diesmal eben sozusagen in umgekehrte Richtung. Aber eines will er nicht: Grasser möchte sich nicht in die Reihe derer stellen, die die ÖVP immer wieder als großen Verhinderer des Bundestierschutzgesetzes sehen. Brav.

Der 32-jährige Kärntner Karl-Heinz Grasser ist mit Tieren aufgewachsen, weiß also, welch Maß an Devotion geboten ist, wenn man so viele Möglichkeiten zu Publicity auf Regimentsunkosten erhält. Daher findet sich nur drei Seiten weiter hinten eine ganzseitige Entgeltliche Einschaltung, die eine Initiative des Finanzministers zum Thema hat, nämlich die Aktion Ehrlich zahlt sich aus. Ehrlich, das zahlt sich für alle Beteiligten aus. "Ehrlich währt am längsten", betont Finanzminister Karl-Heinz Grasser, dass auch die Betriebe von einer exakten Umrechnung von Schilling in Euro profitieren. Die aus Steuermitteln finanzierte Begeisterung über so viel Ehrlichkeit hat freilich ihre Grenzen. "Eine Garantie für ein korrektes Vorgehen aller Betriebe kann ich keine abgeben", bedauert Finanzminister Karl-Heinz Grasser. Er verspricht jedoch, Eurosünder . . . öffentlich an den Pranger zu stellen. Vor allem aber möchte er mit der neuen "Euro-Ehrlich"-Aktion Unternehmer motivieren, . . . mit gutem Beispiel voranzugehen.

Das ist voll gelungen. Und wer hat es wieder einmal möglich gemacht? Die "Krone"! Daher ist es nur verdient, wenn sie im Blattsalat so oft und gründlich gewürdigt wird.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. November 2001)
Von Günter Traxler
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