Beängstigende Atemnot

6. November 2001, 11:44
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Uraufführung von Klaus Hubers Oper "Schwarzerde" in Basel

von Reinhard Kager


Basel - Vier Wochen neue Musik, das ist nicht nur in Basel etwas Ungewöhnliches. Internationale Anziehungskraft erhielt der von dem Dirigenten Mathias Bamert programmierte "Europäische Musikmonat" vor allem durch die Uraufführung von Klaus Hubers Oper "Schwarzerde" am Theater Basel: Das Werk umkreist in neun assoziativen Szenen das Schicksal des russischen Dichters Jossip Mandelstam, der 1938 in einem sibirischen Lager ums Leben kam.

Parnok heißt die Hauptfigur in Schwarzerde, deren Leidensweg von drei Frauen begleitet wird: Nadja, Mandelstams Ehefrau Nadeschda Chasina, Anna, die mit Mandelstam eng befreundete Dichterin Anna Achmatowa, und Natalja, eine junge Lehrerin, die Mandelstam am Ende seines Lebens kennen lernte.

Als eine Art Hermes entzündet ein in armenischer Sprache singender Countertenor inmitten der rauen Welt stalinistischer Militärs ein Licht der Hoffnung, das umso entrückter wirkt, als Huber in diesen Passagen auf alte Instrumente zurückgreift: Viola d'amore, Theorbe und eine dritteltönige Harmonik, die ihren Ursprung in der arabischen Musikwelt besitzt - eine mikrokosmisch entwickelte Klangwelt, die umso größere Weite entwickelt, je leiser sie wird.

Auch sonst ist "Schwarzerde", das seinen Titel von einem Gedicht Mandelstams bezieht, ein Musiktheater der dynamischen Grenzwerte: Zarte Flageoletttöne der oft geteilt in vertrackten Rhythmen spielenden Streicher, gehauchte Bläserklänge und Atemgeräusche der Sänger dominieren das von prägnanten Klanginseln bestimmte Werk. Die wenigen militaristische Märsche karikierenden Passagen sind freilich allzu plakativ geraten, woraus auch eine dramaturgische Schwäche resultiert: Der Eindruck des Stillstands, den Hubers Flächen evozieren, ist total.

Mag sein, dass Regisseur Claus Guth dies verspürt hat, denn seiner Inszenierung ist Ironie kaum abzusprechen, die zwar treffend Hubers Hang zum Katastrophenpathos unterminiert, in anderen hingegen der Musik ihre Leichtigkeit raubt. Reichlich überzogen vor allem die Szene, in der sich die Protagonisten bei einem letzten Abendmahl Schmetterlingsflügel umschnallen müssen.

Umso erfreulicher war die musikalische Umsetzung durch Dirigent Arturo Tamayo und das konzentrierte Basler Sinfonieorchester. Bjorn Waag war ein mühelos phrasierender Parnok, Rosemary Hardy als Nadja, Elisabeth Hornung als Anna und Catherine Swanson als Natalja assistierten ihm mit Format. Kai Wessel als eleganter Countertenor spendete ein wenig Luft inmitten der totalitären Atemnot.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 06.11. 2001)

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