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7. November 2001, 21:54
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Peter Oswalds Fazit des herbsts - "Reden wir über Astrophysik!"

Fazit beim "steirischen herbst": Von Beat Furrers "Begehren" bis zur von Peter Pakesch kuratierten "Abbild"-Ausstellung spannt sich der Bogen der persönlichen Highlights von Intendant Peter Oswald. Für 2002 kündigt der "glühende Generalist" einen Architekturschwerpunkt an.

von Claus Philipp


Graz - 101.000 Besucher: Peter Oswald war gestern bei der Abschluss-Pressekonferenz des steirischen herbsts durchaus zufrieden - auch wenn das Festival rund 5000 Besucher weniger als im Vorjahr verzeichnete. Dies allerdings mit weniger Veranstaltungen, und: "Auf den Kopf gefallen sind uns heuer die schulautonomen Tage", so der Intendant: In der letzten Woche habe man deutlich sehen können, dass die Anzahl der ausländischen Besucher gestiegen und die der inländischen Zuschauer gefallen ist.

Dem "knallharten Öffentlichkeitsarbeiter" tut das natürlich doch weh. Gegenüber dem STANDARD betonte er, dass er gerade die 17- bis 19-Jährigen "vermehrt zum Lesen, Hören, Wahrnehmen bringen" wolle.

Selbstkritik nur "off the records"

Vom STANDARD um ein persönliches herbst-Fazit gebeten, sparte Oswald punktuell nicht mit Selbstkritik, dies jedoch "off the record": "Ich habe ein Prinzip: Öffentlich kritisiere ich keine Künstler. Ich bin ja der Intendant und muss mich nicht hinter ihnen verstecken." Zu seinen diesjährigen Favoriten zählt der Intendant wiederum die konzertante Erstaufführung von Beat Furrers Begehren: "Da war ich im Vorfeld auch verärgert, als die Operndirektorin Karen Stone gemeint hat, das sei zu radikal: Man könne es den Abonnenten nicht zumuten!"

Ein weiteres Highlight war für Oswald neben der von Peter Pakesch kuratierten Ausstellung Abbild der Auftritt der Gruppe Mavis im Anschluss an das Literatursymposium: "Da ist zwischen den Musikern und den Autoren mehr passiert als nur ein absolviertes Miteinander", meint der laut Eigendefinition "glühende Generalist", der den herbst weiter in diese Richtung vorantreiben will:

Wenn man Neues kreieren will, geht auch manches schief

"Meine berufliche Geschichte war ja immer schon eine Geschichte des Scheiterns", erinnert Oswald an seine Zeit als Musikchef beim ORF, "wo ich bei der visuellen Umsetzung von Musik an die Grenzen stieß. Aber wenn man sehr heterogene Charaktere spartenübergreifend zusammenführen will, Neues kreieren will, dann geht halt auch manches schief. Dieser Geschichte des Scheiterns und den Glücksmomenten, die sie einem beschert, will ich mich in Hinkunft noch intensiver stellen. Man wird den herbst auch daran erkennen, dass hier Zusammenarbeiten ermöglicht werden, aus denen nicht unbedingt immer ein Projekt, ein ,Werk' entsteht."

Kam für diesen proklamierten Mut zur Niederlage der herbst heuer nicht doch etwas zu moderat und konventionell daher - vor allem im Theater? Oswald verwehrt sich heftig gegen die Vermutung, er interessiere sich nicht für diesen von Wolfgang Reiter dramaturgisch betreuten Bereich: "Es gibt fast nichts in der Kunst, wofür ich mich nicht interessiere. Sie können sich mit mir sogar über Astrophysik unterhalten!", ereifert er sich in bekannt aufgekratzter Art und Weise, räumt aber - trotz Bühnenerfolgen wie dem Pulverfass oder Robert Lepage im Vorjahr - ein: "Wenn ich das Budget der Festwochen hätte, würde ich ganz andere Stückerln spielen."

Schwerpunkte für 2002 und 2003

So gelte es Schwerpunkte zu setzen. Nächstes Jahr etwa in Sachen Architektur, einem Terrain, "auf dem Österreich das Paradies für Verhinderer ist! Architektur hat hier einen zivilisatorischen Nichtstandard, der empörend ist." Eine Ausstellung, kuratiert von Zaha Hadid und Patrik Schumacher, soll dem gegensteuern helfen.

2003 schließlich, im Jahr der Kulturhauptstadt Graz, will Oswald doch vermehrt theatralische Möglichkeiten ausloten: Eine neue Komödie von Händl Klaus ist ebenso avisiert wie Uraufführungen von Kathrin Röggla, Tahar Ben Jelloun, Natasa Rakovic und Bobo Jelcic oder eine Adaption von John Kennedy Tooles Roman Die Verschwörung der Idioten (Regie: Theu Boermans). Von Josef Winkler wird eine Sprechoper mit Akkordeon angekündigt. Im Crossover-Bereich soll es unter dem Arbeitstitel "Mikro-Mini-Midi" zu 15 bis 20 Kurzaufführungen kommen. Und die Modeschöpferin Lisa D. arbeitet an einem szenischen Projekt mit Musik von Wolfgang Mitterer.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 06.11. 2001)

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