1450 Stufen Trauerarbeit in Kaprun

6. November 2001, 08:18
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Angehörige besuchten Unglücksstollen

Salzburg - Die 155 Opfer seien "nicht elendiglich erstickt", sondern hätten schon nach wenigen Atemzügen das Bewusstsein verloren. Der Schweizer Therapeut Peter Fässler-Weibel, der viele Angehörige der bei der Kapru- ner Brandkatastrophe vom 11. November vergangenen Jahres ums Leben gekommenen Opfer betreut, machte am Montag bei einem Lokalaugenschein für Journalisten aus seinem Unmut über "Sensationlüsterne Berichterstattung" kein Geheimnis. Diese würde bei den Betroffenen nur "negative Fantasien" befördern.

Insgesamt siebenmal ging Fässler-Weibl mit in Summe 70 Verwandten von 36 Toten zu der Unglücksstelle - 600 Meter und 1450 Stufen vom talseitigen Tunnelportal entfernt. Begleitet wurden die mit Schutzanzügen, Helmen und Stirnlampen ausgerüsteten Trauernden bei dieser "Exposition" genannten Trauerarbeit von zwei Notärzteteams, Bergrettern, Sanitätern, zwei Bergführern, vier Psychologen und zwei Mitarbeitern der Gletscherbahnen.

Für die Angehörigen bedeutet diese Form der Bewältigung, dass "sie durch die Trauer durchgegangen sind", so Fässler-Weibel. An der Unglücksstelle erwarteten sie schlichte Metallkreuze - eines für jeden Toten. Mit Rücksicht auf die japanischen Opfer sind die Symbole interreligiös gehalten. Die Wände sind schwarz gefärbt von Ruß, Teile der geschmolzenen Stahlstiege mussten durch eine Notstiege ersetzt werden. Mit durch den Zugwind flackerden Kerzen nahmen die Verwandten Abschied - Blumen, Fotos, Teddybären zeugen von ihrem Schmerz.

Dass nur rund ein Viertel der Angehörigen das Angebot zur Trauerarbeit angenommen hat, ist für den Therapeuten Resultat eines "verständlichen Aggressionspotenziales": "Alles was im Namen der Gletscherbahnen geschieht, ist suspekt." Sie würden erwarten, dass die Verantwortlichen bestraft werden.

Sonntag, wenn sich die Brandkatastrophe im Stollen der Standseilbahn auf das Kitzsteinhorn zum ersten Mal jährt, steht Kaprun ganz im Zeichen des Gedenkens. Der Jahrestag beginnt morgens mit einer Gedenkwanderung zur Talstation der Gletscherbahn. Im Anschluss findet vor dem provisorischen Mahnmal eine Gedenkstunde statt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.11.2001)

Thomas Neuhold
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