In der Einöde bleibt nur Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat

5. November 2001, 17:29
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STANDARD- Augenschein im Flüchtlingslager Konkushlan

Konkushlan - Die Dürre wird mit jedem Atemzug fühlbar. Knöcheltief sinken die Füße in die zu Staub zerfallene Erde und wirbeln bei jedem Schritt eine dichte Wolke auf, die die Lungen mit dem gelb-grauen Nebel füllt. Der Hustenreiz ist kaum zu unterdrücken.

Katastrophale Verhältnisse

Zwischen den rund 200 Zelten auf den Hügeln sickert ein stinkendes Rinnsal in den braunen Fluss hinunter, an dem die Frauen Wäsche waschen und barfüßige Kinder mit Abfall spielen - sie lassen sich ihren Spaß in der staubigen Einöde nicht verderben. Staubig wird es im Lager bleiben: Ein einziges Mal hat es in dieser Gegend in den letzten zehn Monaten geregnet, und Regenfälle sind nicht in Sicht.

Ismael Rabbani ist einer der rund 1100 Flüchtlinge in Konkushlan. Der Haltung und seinem müden Gang nach zu urteilen, ist er etwa 50 Jahre alt. "35", korrigiert er schroff und wischt sich über sein eiterndes Auge. Ein Splitter einer Panzermine hat ihn erwischt, als er 1991 in der Armee des damaligen kommunistischen Präsidenten Nadjibullah gedient hat. Mit den Spätfolgen lebt er bis heute.

Unter Verdacht

Vor einem knappen Jahr ist er mit seiner Frau und vier Kindern zum Flüchtling im eigenen Land geworden, nachdem die Taliban die Stadt Mazar-e Sharif erobert und später sein von usbekischen Afghanen bewohntes Dorf Hujega eingenommen hatten. "Die Soldaten haben uns gefragt, ob wir Waffen hätten, und verdächtigten uns, die Nordallianz und Usbekistan zu unterstützen", erzählt er.

Flucht ins Gebiet der Nordallianz

Die Truppe der Taliban- Soldaten setzte sich fast ausschließlich aus usbekischen Islamisten zusammen, die sich wegen dem brutalen anti-islamischen Kurs des usbekischen Präsidenten Karimow nach Afghanistan abgesetzt hatten. "Fast die ganze Dorfbevölkerung ist schließlich lieber geflohen", sagt Ismael.

Drei Tage lang sind sie 60 Kilometer weiter östlich ins Gebiet der Nordallianz gelaufen, wo sie sich in der Nähe der Stadt Khoja-Bahauddin niederließen. Der Mullah des Ortes, Haid Hamidullah, war auch darunter. In der mit frischem Stroh ausgelegten Madrasa, der Religionsschule, dem einzigen wohnlichen Ort im Lager, lässt er Kinder strikt nach Geschlecht getrennt wieder und wieder Suren aus dem Koran rezitieren. Er hasse die Taliban und unterstütze die Bombenangriffe der USA, sagt er nachdrücklich, denn "das sind keine echten Muslime". Dass ihm einige ihrer Ideen gefallen, will er jedoch nicht verheimlichen. Radiomusik zu hören würde er im Lager am liebsten verbieten. Einzig bei Hochzeiten dürfte Musik zu hören sein - für höchstens zwei Stunden.

Keine Bodentruppen

Noch immer hofft der Gelehrte, dass er bald nach Hujega zurückkehren kann - obwohl er weiß, dass sich die verschiedenen Fronten zwischen den Taliban und der Nordallianz auch nach dem Beginn der amerikanischen Bombardierung seit Wochen kaum bewegen. Einen Einsatz von fremden Bodentruppen in Afghanistan wünscht er sich allerdings nicht: "Bloß nicht. Das würde die Taliban nur noch mehr motivieren, und alles dauerte noch länger", prophezeit er.

Geholfen hat den Vertriebenen einzig der Iran, der anfangs die Zelte spendete. Seither sind die Flüchtlinge mit Ausnahme der gelegentlichen Nahrung, die die USA in gelben Paketen für sie aus Flugzeugen verteilen, auf sich allein gestellt. Über einen US- Radiosender erfahren sie jeweils, wo die willkommene Hilfe abgeworfen wird. In der Nacht vom vergangenen Donnerstag auf Freitag war es in Konkushlan wieder so weit.

Die Pakete bereiten den Flüchtlingen allerdings mehr Sorgen als Freude: Die Soldaten der Nordallianz sind inzwischen meist selber vor Ort, sperren das Gebiet ab und sammeln die Pakete für die eigenen Leute ein. Ist die Armee einmal nicht vor Ort, sind es afghanische Händler, die den Flüchtlingen die Nahrung wegschnappen und auf dem Bazar verkaufen. Zwischen 25.000 und 40.000 Afghani, einen halben Dollar, kostet das Paket. Ein portugiesischer Journalist kaufte drei Pakete: Zwei davon waren verdorben. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 6.11.2001)

Von STANDARD-Mitarbeiter Thomas Rabara
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