"Wer kämpft, lebt gesünder"

5. November 2001, 13:02
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Stress kann sowohl positive als auch negative Wirkungen auf den Körper haben. Der Kärntner Stressforscher Prof. Ulrich Kropiunigg vom Wiener Institut für Medizinische Psychologie verrät im Interview mit mymed.cc, wie man am besten mit Stress umgeht.

Das Interview führte Peter Seipel

mymed: Herr Professor Kropiunigg, einmal heißt es, dass Stress gesund sei und dann wieder, dass Stress krank macht. Was stimmt denn nun wirklich?

Kropiunigg: Eine Unterscheidung in positiven "Eu-Stress" und negativen "Di-Stress" lässt sich nach neuesten Erkenntnissen nicht mehr so leicht treffen. Tatsache ist, dass die gleichen Stressoren auf verschiedene Menschen mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen und Wertesystemen treffen. Was den einen krank macht, kann der andere zum Beispiel als durchaus positive sportliche Herausforderung empfinden.

mymed: Neue Untersuchungen haben gezeigt, dass negativ erlebter Stress die Wundheilung verlangsamen und sogar Paradontitis auslösen kann. Mit welchen körperlichen Auswirkungen ist noch zu rechnen?

Kropiunigg: Für das Immunsystem ist ein Stressor ebenso ein Impuls wie Hitze, Kälte, oder eine Viren- oder Bakterienattacke. Negativ erlebter Stress schwächt nachweislich die Abwehrkräfte und macht die Betroffenen anfälliger für Infektionen. Eine amerikanische Studie hat zum Beispiel gezeigt, dass eine Hepatitis B-Auffrischungsimpfung von Studenten im Prüfungsstress weniger gut angenommen wird als von Studenten, die gerade Ferien haben. Derartige physiologische Reaktionen sind bereits gut erforscht, doch nur schwer wiederholbar, weil sehr viele individuelle Faktoren dabei mitspielen.

mymed: Welche individuellen Faktoren sind für die Stress-Verträglichkeit ausschlaggebend?

Kropiunigg: Im Englischen gibt es dafür den treffenden Ausdruck "psychological hardiness", was soviel heißt wie psychische Stabilität. Manche Mütter erleben zum Beispiel die Geburt ihres ersten Kindes als eine Reihe von starken Belastungen, die ihr Leben keineswegs bereichern sondern nur erschweren. Andere wieder genießen jede Minute dieses Lebensabschnittes mit ungeteilter Freude.

mymed: Was machen diese "glücklichen" Mütter anders als die "unglücklichen"?

Kropiunigg: Sie haben die Fähigkeit, Belastungen wie Stillen, Windelwechseln oder durchwachte Nächte locker und mit Humor zu nehmen, während andere Mütter sehr stark darunter leiden und mit körperlichen Beschwerden reagieren. Die persönliche Einstellung gegenüber einer Herausforderung ist entscheidend. Mit Hilfe psychotherapeutischer Methoden lassen sich allzu negative Einstellungen durchaus verändern.

mymed: Welche Stressfaktoren beeinflussen am stärksten unser Leben?

Kropiunigg: Die neuesten Forschungen weisen darauf hin, dass Hierarchien, besonders wenn sie als unterdrückend erlebt werden, als sehr starke Stressoren wirken. Untersuchungen der Lebensgeschichten von Alzheimerpatienten haben gezeigt, dass viele von ihnen in jüngeren Jahren einem veritablen Stress im Beruf oder in der Partnerschaft ausgesetzt waren. Sie konnten sich entweder nicht in ihrem Wunsch-Beruf verwirklichen oder wurden von ihrem Partner unterdrückt. Als Folge davon wird beim Betroffenen der Mechanismus der Stressregulation im Hypocampus überlastet, was auf Dauer Auswirkungen auf die Gedächtnisleistung hat.

mymed: Wie können Menschen, die in solchen Abhängigkeiten und Unterdrückungen leben, ihre Gesundheit schützen?

Kropiunigg: Untersuchungen an Pavianen, die in streng hierarchisch organisierten Gruppen leben, haben gezeigt, dass die kämpferischen Tiere körperlich wesentlich gesünder waren als jene, die sich widerstandslos untergeordnet haben. Bei den Pavianen, die ständig die Herausforderung im Kampf suchten, auch wenn sie dabei ständig verloren, wurde eine bessere Regulation des Glukokortikoidspiegels gemessen als bei den unterdrückten und passiven Tieren, bei denen der Stresshormon-Spiegel permanent erhöht war.

mymed: Sind diese Erkenntnisse auf den Menschen umlegbar?

Kropiunigg: Beim Menschen zeigt sich immer wieder, dass der Ausbruch einer Erkrankung oft mit einem sogenannten Resignationspunkten zusammentrifft. Da hat jemand jahrelang um etwas gekämpft, gibt eines Tages auf und wird prompt krank. Dabei lässt sich nicht verallgemeinern, welche Krankheiten durch welche Art von Stress ausgelöst werden. Diese Beschwerden treten an den ganz persönlichen Schwachstellen des Betroffenen auf.

mymed: Herr Professor, wir danken für das Gespräch!



Die Rubrik "Das Interview der Woche" bringen wir in Zusammenarbeit mit unserem Partner

  • Artikelbild
    foto: mymed.cc
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