Caritas schlägt Alarm: Immer mehr "Männer in Not"

5. November 2001, 16:44
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"Starkes Geschlecht" reagiert bei Problemen oft "patschert" - Elisabethsammlung am 18. November in Oberösterreichs Kirchen

Linz - Die Caritas schlägt jetzt Alarm: Die Zahl der "Männer in Not" nimmt deutlich zu. Von den Hilfesuchenden in den Beratungsstellen der Caritas beispielsweise in Oberösterreich ist heute bereits jeder zweite ein Mann. Früher kamen Männer hingegen selten zur Beratung. Das vermeintlich "starke Geschlecht" sei zu wenig auf Krisensituationen vorbereitet, die Männer reagieren bei Problemen - etwa nach Jobverlust oder Scheidung - häufig "patschert", so der neue Caritas-Direktor Mathias Mühlberger am Montag bei einer Pressekonferenz in Linz.

"Männer tun sich ganz offensichtlich schwer, Veränderungen wie ein plötzlich geringeres Einkommen oder das Alleinsein nach einer Scheidung zu akzeptieren, sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen", berichtete Mühlberger. Dazu komme oft noch der "Verlust der Perspektiven für das weitere Leben", verbunden mit Alkohol geraten die Männer in einen "Teufelskreis", so die Caritasexperten, "es fehlt den Männern die soziale Kompetenz, die Situation zu meistern".

Die Caritas hilft in diesen Fällen mit finanzieller und existenzieller Überbrückung - bis hin zu Kleidung und Lebensmitteln - , man will aber den Männern vor allem durch Beratung wieder Perspektiven eröffnen, wie sie ihr Leben künftig meistern können. "Es braucht freilich viel Geduld und einen langen Atem" (Mühlberger).

Gegen Kürzung von AMS-Maßnahmen

Der Caritaschef sprach sich in diesem Zusammenhang auch gegen eine Kürzung von Maßnahmen des Arbeitsmarktservice aus, "jede Einschränkung des Angebots ist vor allem auch im Hinblick auf die Männer mit Problemen kontraproduktiv". Dies gelte im speziellen für jüngere Männer, die vermehrt bei den Beratungsstellen der Caritas vorsprechen, weil sie ohne Arbeit und oft ohne Wohnung dastehen.

Außerdem trat Mühlberger für eine Art finanzielle "Grundsicherung" - etwa in der Höhe von rund 10.000 S (727 Euro) monatlich - für jene Personen ein, bei denen sich die "Spirale der Armut nach unten zu drehen droht". Mit einer derartigen Grundsicherung würde man diesen Betroffenen finanziell wieder "Luft zum Atmen und zum Leben geben", so Mühlberger.

Die Caritas der Diözese Linz führt am 18. November in den oberösterreichischen Kirchen wieder ihre traditionelle "Elisabethsammlung" durch. Die Gelder aus dieser Sammlung - im vergangenen Jahr waren es rund elf Mill. S - seien eine wesentliche Grundlage der Caritasarbeit, wurde bei der Pressekonferenz betont.

"Armut sieht man oft erst auf den zweiten Blick"

Rund 900.000 Österreicher sind armutsgefährdet, 340.000 davon sind akut mittellos. "Und diese Armut sieht man erst auf den zweiten Blick", erläuterte Caritas-Präsident Franz Küberl am Montag bei einer Pressekonferenz in Wien. Auf den ersten Blick würden sich die betroffenen Menschen von ihrem Umfeld gar nicht abheben. "Diesen Leuten zu helfen, heißt in erster Linie Hinschauen lernen und Pauschalverurteilungen meiden", meinte der Caritas-Präsident.

Aus diesem Grund startete die Caritas wie jedes Jahr ihre Aktion "ÖsterREICH hilft ÖsterARM". Dabei bittet die Hilfsorganisation in TV-Spots, Zeitungen und auf Plakaten um Unterstützung für Menschen in Not, erläuterte Küberl. "Am Mariensonntag, am 18. November, wird in den österreichischen Pfarren auch auf diese Aktion hingewiesen", sagte der Präsident. Im vergangenen Jahr wurden laut der Hilfsorganisation österreichweit 45 Millionen Schilling gesammelt.

Die Sozialhilfe habe dringend Reformbedarf, meinte der Wiener Caritas-Direktor Michael Landau. "Wer mit 7.420 Schilling - so hoch ist das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen unserer Klienten in den Sozialberatungsstellen - nach Abzug der Fixkosten mit weniger als 80 Schilling auskommen muss, weiß, dass für Sonderausgaben wie die Reparatur der Heizung kein Schilling mehr übrig bleibt", berichtete Landau.

"Derzeit hängt die Höhe der Sozialhilfe davon ab, ob der Bedürftige in Wien, Niederösterreich, Steiermark oder Kärnten wohnt und nicht davon, wie groß die Not ist bemängelte der Direktor die Festsetzung in jedem Bundesland. Auch der Versuch Sozialhilfeleistungen zu beziehen, arte in einem Spießrutenlauf aus, kritisierte Landau. "Die Sozialhilfe muss ein verlässliches letztes Netz sein, wo alles neu anfangen kann und nicht alles am Ende ist."

Von der Armut am meisten bedroht seien Langzeitarbeitslose, erläuterte Küberl. "Aber auch körperliche und psychische Beeinträchtigungen wurden in dramatischer Weise zur Armutsfalle", sagte der Caritas-Präsident. Deswegen schlägt Küberl zur Existenzsicherung für das Jahr 2002 vor, das Sozialsystem zu modernisieren. "Das beinhaltet die Einführung von Mindeststandards in der Arbeitslosenversicherung, die einer Verarmung von Arbeitslosen, allein Erziehenden und Menschen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen entgegenwirken würde", so der Präsident. Weiters sehe Küberl statt einen Abbau einen Ausbau der Maßnahmen für Langzeitarbeitslosen am Arbeitsplatz vor. Auch will Küberl jene Menschen, die nicht krankenversichert sind, in die Versicherung aufnehmen.

In den Sozialberatungsstellen der Caritas wurden im Jahr 2000 rund 30.000 Menschen betreut. Zwei Drittel davon seien Frauen, so Küberl. "Diese kommen oft als Vertretung ihrer Familie", erklärte Landau. Rund 7.500 obdachlose Männer und 1.500 obdachlose Frauen finden jährlich in den 35 Caritas-Einrichtungen Unterkunft und Betreuung. (APA)

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