Organmangel erfordert immer mehr Lebend-Transplantationen

5. November 2001, 08:54
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400 Wissenschafter diskutieren Lebend-Spende bei Kongress in Tirol

Innsbruck - Nicht nur in Österreich, sondern weltweit dauert das Warten auf Spenderorgane immer länger. Um den Bedarf zu decken, würden 30 bis 35 Spender pro einer Million Einwohner benötigt. Tatsächlich stehen aber nur 24 Spender zur Verfügung. Als Alternative gewinnt die Lebend-Spende, also die Entnahme einer Niere bzw. eines Teiles der Leber eines gesunden Spenders, immer mehr an Bedeutung. Mit diesem Thema beschäftigt sich ein dreitägiger Mediziner-Kongress im Tiroler Ort Going, der am kommenden Mittwoch beginnt.

Einer der Hauptgründe für die enorme Zunahme an potenziellen Empfängern sei die Etablierung der Transplantation als einzig kurative Therapie ansonsten unheilbarer Erkrankungen, erklärte Univ.-Prof. Ivo Graziadei von der Innsbrucker Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie. Langfristig ein relativ geringes Risiko gehen jene gesunden Spender ein, denen eine Niere entnommen wird. "Diese Menschen können einen leicht erhöhten Bluthochdruck haben, generell sind die Aussichten aber gut", erklärte der Transplantationschirurg Univ.- Prof. Alfred Königsrainer. Problematischer sei die Spende eines Teiles der Leber.

Risiko relativ gering

Bei Entnahme eines kleinen Teiles des Organes, etwa für Kind, ist das Risiko für den Spender gering. Mit der Größe des benötigten Leberteiles für einen erwachsenen Empfänger steige jedoch die Gefahr. "Das Risiko beträgt dabei etwa 0,9 Prozent," führte der Innsbrucker Mediziner aus. Bisher wurden europaweit an 33 Zentren 536 Leber-Lebend-Transplantationen durchgeführt, an der Universitätsklinik der Tiroler Landeshauptstadt waren es 15.

Als Indikation für eine Leber-Lebend-Transplantation gelten die selben Kriterien wie für jene Empfänger, die auf der Warteliste für ein Organ eines toten Spenders stehen. Zudem muss die Leber "Blutgruppen-kompatibel" sein und von der Größe ein ausreichendes Volumen aufweisen. Patienten, die auf eine Leber warten, haben in der Regel eine Überlebenschance von einem Jahr. Die Empfänger können mit dem neuen Organ alt werden und ein weitgehend normales Leben führen. Bis die Lebendspender wieder körperlich fit sind, dauert es zumeist drei bis sechs Monate. Über 90 Prozent gehen wieder ihrem Beruf nach.

Bedenken um "freie Entscheidung"

Bedenken äußerte Königsrainer in Bezug auf die "freie Entscheidung" des Spenders: "Die rechtzeitige Lebertransplantation ist beinahe immer die einzige Behandlungsoption, um das Leben der Schwerkranken zu retten. Der täglich erkennbare Verfall eines nahen Verwandten und das Wissen, mit der Lebendspende sofort helfen zu können, kann auf den potenziellen Spender einen erheblichen Druck erzeugen."

Auch für den Innsbrucker Moraltheologen Univ.-Prof. Stephan Leher bedarf es klarer Kriterien, die den für die Transplantation notwendigen operativen Eingriff an einem gesunden Menschen rechtfertigen. "Für die Beurteilung, ob der Spender die Entscheidung für bzw. gegen die Transplantation frei von Zwängen fällt, muss in jedem Fall ein Psychologe in die Vorgespräche mit einbezogen werden", so Leher. (APA)

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