Der Weg zum Diktat von München

4. November 2001, 20:01
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Die Zerstörung der Tschechoslowakei gehörte zu Hitlers strategischem Konzept. Die "Appeasementpolitik" der Westmächte glaubte, ihn mit der erzwungenen Abtretung der sudetendeutschen Gebiete zufriedenstellen zu können.

Die im Oktober 1933 gegründete "Sudetendeutsche Heimatfront" war von Konrad Henlein programmatisch nicht als Partei konzipiert, sondern als Selbstschutzbewegung, Ziel war eine föderalisierte Republik. Jedoch sehr rasch wurde die "Heimatfront" von den Extremisten der verbotenen DNSAP und DNP, deren Führer nach Deutschland geflohen waren, infiltriert. Der Vertrauensmann von Himmlers Reichssicherheitshauptamt Karl Hermann Frank wurde zum wichtigsten politischen Ratgeber Henleins.

Die "Heimatfront" wurde im Herbst 1934 in die "Sudetendeutsche Partei" (SdP) umgewandelt, die sich sofort auf die im Folgejahr fälligen Parlamentswahlen vorzubereiten begann. Sie erhielt aus Berlin über den "Volksbund für das Deutschtum im Ausland" beträchtliche Gelder für ihren Wahlfonds.

Im Wahlkampf 1935 stand der Block der staatsbejahenden Parteien, zu denen auch jene der deutschen "Aktivisten" zählten, dem Block der "Negativisten" - die in der Ablehnung des Staatssystems einigen Kommunisten (deren Parteichef Klement Gottwald war der drohenden Verhaftung durch seine Flucht in die Sowjetunion entgangen), die tschechischen Faschisten und die SdP - gegenüber. Überraschungssieger der Wahl wurde die SdP, die mit 15,2 Prozent der gesamt-tschechoslowakischen Wählerschaft und 44 von 66 Mandaten der deutschen Parteien als stärkste Partei aus der Wahl hervorging.

Henlein verlangte den Ausschluss der bisherigen deutschen Koalitionsparteien und seinen Eintritt in die Regierung; dies wurde abgelehnt - es blieb im wesentlichen bei der alten Koalition, deren deutsche Minister aber nunmehr nicht mehr Repräsentanten der Mehrheit der Sudetendeutschen waren.

Zuerst Demokraten, Linke und Juden aus Deutschland, dann, 1934, auch verfolgte Sozialdemokraten aus Österreich, fanden in großer Zahl in der CSR Zuflucht. Die Tschechoslowakei sah sich zunehmend der Gefahr einer Einkreisung ausgesetzt. Horthys Ungarn und das austrofaschistische Österreich galten als Satelliten Italiens, Hitler hielt sich nicht mehr an die Rüstungsbeschränkungen von Versailles, und Polens Obersten hielten an ihren Ansprüchen auf das Olsa-Gebiet fest. Außenminister Benes suchte die Situation seines Landes durch die Anerkennung der Sowjetunion (1934) abzusichern, der ein französisch-sowjetisch-tschechoslowakisches Defensivbündnis folgte.

1935 wurde Benes anstelle des schwerkranken 85jährigen Masaryk vom Parlament zum Staatspräsidenten gewählt. Benes berief mit Milan Hodza erstmals einen Slowaken zum Ministerpräsidenten der CSR, was jedoch der Gegnerschaft von Hlinkas autonomistischer Slowakischen Volkspartei zur Regierung keinen Abbruch tat.

Tomás G. Masaryk (1850-1937) hatte in seiner Abschiedsbotschaft gemahnt: "Wir bedürfen einer guten auswärtigen Politik und zu Hause der Gerechtigkeit gegenüber allen Bürgern, seien sie welcher Nationalität immer." Sein Nachfolger auf dem Präsidentenstuhl verließ sich zu sehr auf den ersten Teil dieser Mahnung. Allerdings dürfte es angesichts des Aufstiegs Hitlers in Deutschland und der weiter grassierenden Arbeitslosigkeit ohnehin zu spät gewesen sein, frühere Versäumnisse der tschechischen Minderheitenpolitik auszugleichen.

Ein "Staatsverteidigungsgesetz" schränkte die Rechte der Nationalitäten sogar weiter ein. Hitler hatte indes schon längst die Zerstörung der Tschechoslowakei beschlossen; bereits 1935 wurden erste militärische Operationspläne ausgearbeitet, 1937 nahmen sie in der "Haßbach-Konferenz" konkrete Gestalt an. Zugleich entfaltete Goebbels einen Propagandakrieg gegen die Tschechoslowakei, in dem der Prager Regierung permanenter Terror gegen die Sudetendeutschen unterstellt wurde.

Henlein hatte bereits nach seinem großen Wahlerfolg von 1935 in England um Sympathie geworben, was die britische Regierung eine weitgehende Autonomie für die Sudetendeutschen begrüßen ließ. Als sich der Weg, über das Nahziel der Autonomie zum großdeutschen Fernziel der Vereinigung mit dem Reich zu gelangen, als unerfüllbar erwies, unterwarf sich Henlein völlig den Hitler'schen Plänen. Der friedlich vollzogene "Anschluss" Österreichs an Deutschland ließ Hitler endgültig auf die Karte des völkischen Einheitswillens setzen, wodurch er nicht nur zusätzliches Kanonenfutter für seinen künftigen Krieg erhalten, sondern auch die Welt über seine wahren Absichten noch einmal täuschen konnte.

Jedenfalls war Hitler nach der Einverleibung Österreichs durchaus bereit, die Tschechoslowakei "so oder so", also auch durch einen Krieg, zu beseitigen. Die Vorbereitungen für einen solchen waren weit gediehen. Der westlichen, vor allem britischen Politik, war hingegen nicht nur aus Prinzip am Frieden gelegen, sondern auch, weil sich Deutschland einen Rüstungsvorsprung verschafft hatte, und weil sie die "Lebensraum"-Ideologie der Nazis eher auf eine Auseinandersetzung mit dem Bolschewismus hoffen ließ.

Vor dem Reichstag verkündete Hitler im Februar 1938 die Vereinigung der 80 Millionen Deutschen in Europa offen als sein Ziel. Bald nach dem "Anschluss" Österreichs hatte Henlein seine erste Unterredung mit dem "Führer" und akzeptierte dessen Weisung, im Widerspruch zu seiner bisherigen Politik, "immer so viel zu verlangen, dass wir nicht zufrieden gestellt werden können". Die SdP fühlte sich nunmehr praktisch als Alleinvertretung aller Sudetendeutschen, und unter ihrem Druck schieden die Vertreter der deutschen "aktivistischen" Parteien aus der Koalition aus. Bei den Gemeindewahlen im Mai 1938 gewann die SdP 91 Prozent aller deutschen Stimmen.

Unter dem Druck der britischen Regierung zeigte sich Benes im Spätsommer 1938 erstmals zu weitreichenden Zugeständnissen bereit. Aber die SdP sabotierte nun die Verhandlungen, auf die Verhängung des Standrechts wurde mit der Bildung von Freikorps im Grenzgebiet geantwortet.

Und Hitler hatte sich bereits für Krieg entschieden, die Wehrmacht stand für den Angriff bereit. Der britische Premier Chamberlain und der französische Ministerpräsident Daladier setzten Benes - gegen die Opposition Churchills, aber auch unter Ignorierung des Angebots deutscher Offiziere, Hitler im Kriegsfall zu stürzen - unter diplomatischen Druck. Sie "empfahlen" der Regierung Hodza, alle Gebiete mit mehr als 50 Prozent deutscher Bevölkerung abzutreten - für die Tschechoslowakei ein Schock. Hodza trat zurück, Benes ordnete die allgemeine Mobilmachung an, die Slowaken erhielten endlich ihre Autonomie. Chamberlain flog zu Hitler nach Bad Godesberg. Hitler war nur zu einem mit 1. Oktober befristeten Ultimatum bereit. Prag lehnte dies ab. Der Krieg schien unabwendbar.

Nach fieberhaften diplomatischen Bemühungen des Westens schlug Italiens Regierungschef Benito Mussolini die Abhaltung einer Konferenz der vier Großmächte vor - sie fand am 29. September in München statt. Benes musste einsehen, dass vom Westen keine militärische Hilfe zu erwarten war und ein sowjetisches Hilfsangebot am Widerstand der Nachbarstaaten gegen einen Durchmarsch der Roten Armee scheitern würde. Daher lehnte er eine alleinige Kriegserklärung an Deutschland - worauf seine Generäle drängten - ab. Die CSR durfte nur einen "Beobachter" nach München schicken. Dort wurde am 30. September um 1.30 Uhr nachts im "Braunen Haus" das Abkommen unterzeichnet, durch das die Randgebiete Tschechiens, 28.263 qkm mit 2,8 Millionen Deutschen und 719.000 tschechischen Bewohnern (von denen viele in den Reststaat flüchteten oder in der Folge vertrieben wurden) an Deutschland fielen. Auch Ungarn und Polen wurde in München Grenzänderungen zugesichert. Polen besetzte das Olsa-Gebiet, Ungarn erhielt durch einen deutsch-italienischen "Wiener Schiedsspruch" die magyarisch besiedelte Südslowakei.

Die CSR schrumpfte von 140.000 auf 99.000 qkm. Benes trat zurück und ging ins britische Exil, die Regierung in Prag musste am 20. November 1938 der endgültigen Grenzregelung zustimmen. Chamberlain aber hatte bei seiner Rückkehr aus München optimistisch versichert: "Ich glaube, dass dies ein Frieden für unsere Zeit ist." (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 3./4. 11. 2001)

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