Die Vermarktung des Apfels

4. November 2001, 19:56
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... und was sich daraus über den Lebensmittelhandel und den Wandel unseres Geschmacks lernen lässt

Wenn in einem Land von einem Obst mehrere tausend Sorten existieren, aber nur sieben in den Regalen angeboten werden, dann stimmt entweder mit dem Obst etwas nicht oder mit den Supermärkten. Mit der Geschichte, der Botanik und der möglichen Zukunft von Äpfeln - rund 160.000 Tonnen werden jährlich bei uns geerntet - beschäftigen sich die drei Pomologen, die wir zu einem Gipfeltreffen an den Esstisch gebeten haben:

Siegfried Bernkopf ist Abteilungsleiter für Pflanzenbiologie im Bundesamt für Agrarbiologie in Linz und dort unter anderem für die Obst-Genbank verantwortlich; die stellt eigentlich eine Obstsortenerhaltungsanlage dar und dient der Wiederverbreitung alter Sorten. 250 von ihnen sind auf dem 4ha großen Gelände erhalten.

Herbert Keppel von der Versuchsstelle für Obst- und Weinbau des Landwirtschaftlichen Versuchszentrums Steiermark in Heidegg beschäftigt sich ebenfalls mit dem Auffinden und Bewahren alter Sorten. Die Mitarbeiter untersuchen Verbreitung, Alter und Gesundheit der Bäume und bestimmen die DNA-Bestimmung. Alte Sorten sollen für weitere (Züchtungs-)Zwecke zur Verfügung gestellt werden.

Karl Pieber vom Institut für Obst- und Gartenbau an der Universität für Bodenkultur Wien betreibt Grundlagen- und angewandte Forschung vor allem an Steinobst (wegen der klimatisch günstigen Bedingungen in Niederösterreich). Ferner werden an seinem Institut Sortenprüfungen durchgeführt.

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ALBUM: Welche Entdeckungen hat es an Ihren Institutionen in den letzten zehn Jahren gegeben?

Pieber: Bei den Prüfungen haben wir erforscht, welche Erziehungsformen und welche Sorten für bestimmte Gebiete besonders günstig sind. Vor allem die "unregelmäßige schräge Hecke" als Erziehungsform der Apfel- und Steinobstbäume - da sind wir praktisch federführend; das ist eine Hecke, die in der Reihenrichtung ihre größte Ausdehnung hat und nicht rundherum. Wir können die Wuchskraft der Bäume durch Drahtrahmen auf die ganze Kronenform verteilen. Das bewirkt, dass die Ertragskraft früher einsetzt.

Bernkopf: Es freut mich, wenn ich bei der Kartierung auf Sorten stoße, die in Österreich scheinbar schon verschwunden sind; zum Beispiel der Cornwalliser Nelkenapfel, ein sehr würziger Apfel, den hab' ich im Ennstal auf einer Höhe von 800 Meter gefunden, wo man so eine Kostbarkeit nicht erwartet hätte.

Woher haben Sie überhaupt gewusst, was Sie da gefunden haben?

Bernkopf: Weil ich erstens über eine sehr gut sortierte pomologische Bibliothek verfüge und die Sorte in einer alten tschechischen und einer alten englischen Ausgabe eindeutig identifizieren konnte. Und kostbar heißt, dass wir die Möglichkeit haben, etwa einen Edelreiser dieses Apfels aus unserer Sortenbank an Interessenten abzugeben, die die Geschmackseigenschaften schätzen. Auf lokalen Märkten ließe sich die Sorte durchaus verkaufen.

Keppel: Wir haben die Baumform der "Spindel" bzw. der "schlanken Spindel" in Österreich einführen und für die Verhältnisse der Steiermark optimieren können. Dadurch wurde der Arbeitszeitaufwand für den Apfelanbau halbiert und den steigenden Arbeitskosten entgegengewirkt. Daneben bauen auch wir eine Genbank auf und fördern das Interesse an alten Sorten.

Wie sieht es mit der von Michael Pollan angesprochenen Vielfalt bei uns aus?

Bernkopf: Man nimmt an, dass es in den Gärten Europa noch ca. 20.000 verschiedene Apfelsorten gibt. In den Genbanken gibt es natürlich nicht so viele, aber doch auch um die 10.000, die erhalten sind. Die größte Obstsorten-Genbank Österreichs ist in der Wein- und Obstbauschule von Klosterneuburg, und dann kommen schon unsere Stellen.

Keppel: Österreich ist dem Abkommen von Rio beigetreten und hat sich im Rahmen der Biodiversität zu gewissen Aktivitäten verpflichtet. Das steht allerdings nur auf dem Papier. Wenn öffentliche Versuchsstationen und Universitäten zusammenarbeiten wollen, um die Biodiversität zu bearbeiten, dann ziert sich der Staat. Er wird sich so lange zieren, bis der Feuerbrand (eine bakterielle Erkrankung des Kernobstes, die seit 1998/99 in Österreich auftritt) die meisten alten Sorten weggerafft hat und damit wertvolles Genpotenzial verloren gegangen ist.

Die Verarmung der Vielfalt wird ja allerorten beklagt. Man hört von Versuchen, sie wieder herzustellen. Sind das nostalgische Privatinitiativen oder sehen Sie mehr Potenzial dahinter?

Pieber: Der Konsument hätte sicher an einem größeren Sortiment Freude. Dem steht das Begehren des Handels gegenüber, die Zahl möglichst einzuschränken. Vor fünf Jahren gab es noch 45 Sorten in den Lagern, heute noch zwölf. Es hat sich herausgestellt, dass jüngere Leute die Sorten fast überhaupt nicht mehr kennen, sondern sich an der Farbe orientieren. Sie wollen grüne, gelbe oder rote Äpfel, die Sorte ist nicht mehr wichtig. Daneben gibt es die Direktvermarktung bzw. ein Kundensegment, das ein breiteres Sortiment nachfragt. Aber am Markt bestimmen zwei drei Aufkäufer, was gekauft wird; daran wird sich nicht viel ändern.

Bernkopf: Ich könnte mir vorstellen, dass die eine oder andere alte "Nischen-Sorte" neben die Plantagensorten gestellt wird und in regionalen Märkten absetzbar wäre. In Steiermark zum Beispiel hat die Sorte Kronprinz Rudolf, 1860 in Gleisdorf entstanden, eine Heimat gefunden. Wiedergefunden.

Pieber: Ein gewisses Segment wird sie sicher weiter besetzen. Der Nachteil dieser Sorte allerdings ist, dass sie enorm empfindlich gegenüber Druck und Transport ist - das wiederum passt dem Handel nicht.

Keppel: Der Handel hätte am liebsten den "Jahres-Apfel": einen kugelrunden Apfel, der halb gelb und halb rot ist, halb säuerlich, halb süß, mehr als ein Jahr lang haltbar und fest wie ein Fußball.

Welche sind Ihre Lieblingsapfelsorten?

Keppel: Cox Orange.

Bernkopf: Cox Orange und Kronprinz Rudolf.

Pieber: Elstar - auch eine Cox-Kreuzung - und gelber Bellefleur. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 3./4. 11. 2001)

Am Beispiel des Apfels und seiner Vermarktung lässt sich einiges über den Lebensmittelhandel und den Wandel unseres Geschmacks lernen. Michael Freund sprach darüber mit drei Pomologen.

Siegfried Bernkopf, Herbert Keppel, Rudolf Novak, Neue alte Obstsorten: Äpfel und Birnen

öS 507,76/EURO 36,90/436 Seiten, Öst. Agrarverlag, Wien, 1999, 3. Auflage.

Am 9. November veranstaltet die Agrarmarkt Austria MarketingGmbH den "Tag des Apfels" mit Aktionen in Büros und Fitness-Centers. Unter anderem wird der "Büroapfel" als gesunder Pausensnack beworben.
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