Wo etwas blüht, gibt es etwas zu essen

7. November 2001, 14:51
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Der Autor Michael Pollan erläutert das Konzept der Koevolution - ein STANDARD-Interview

Wie kamen Sie auf das Konzept der Koevolution?

Pollan: Alle Neo-Darwinisten schreiben darüber, E.O.Wilson, Richard Dawkins, Steve Jones usw. Koevolution ist jedenfalls mehr als nur eine Metapher. Pflanzen haben sich tatsächlich geändert (oder sich ändern lassen), um sich mit uns zu entwickeln. Bleibt die Frage: Wie sehr ändern wir uns biologisch als Folge dessen? Das ist schwieriger zu zeigen. Ein Beispiel, wenn auch nicht aus der Pflanzenwelt, ist unsere Beziehung zu Kühen. Die menschliche Rasse hat früher Milch nicht verdauen können, wir mussten das erst lernen, und es lässt sich sagen, dass die Menschen, die das konnten, eben mehr Überlebenschancen hatten. Oder Tabak: Indianer, die diesen Genuss seit vielen Jahrtausenden kennen, werden durch die Pflanze viel weniger geschädigt als Europäer. Bei Alkohol ist es andersrum.

Wie wörtlich gemeint ist die Formulierung von der "Schlauheit" der Pflanzen, sich optimal mit dem Menschen weiter zu entwickeln?

Pollan: Ah, dazu sollten Sie die Pflanzen interviewen! Darwin spricht von "Strategien", aber nicht im Sinne eines bewussten Planens, sondern im Sinne von Zufällen, die "funktionieren" und erst im Rückblick schlau erscheinen.

Ihr Buch handelt ebenso sehr von der menschlichen Natur wie von Pflanzen.

Pollan: Das glaube ich auch. Was ich etwa über Blumen und Schönheit geschrieben habe, kommt von den Evolutionspsychologen, die sagen, dass diese Verbindung mit unserer früheren Existenz als Jäger und Sammler zu tun hat: Wo etwas blüht, gibt es bald danach etwas zu essen. Blumen also als Prädiktoren von Nahrung. Dann sind wir also danach selegiert worden, wie gut wir die Verbindung machen konnten. Und vielleicht haben wir eben auch Vergnügen beim Anblick der Blumen empfunden.

Irritation unter Wissenschaftern hat es bei Ihrem Kapitel über die Kartoffel gegeben.

Pollan: Ich bin nur einer einfachen Frage nachgegangen, nämlich: Wie neu ist das Phänomen der genetischen Veränderung (GM) in der Natur? Schauen wir uns das einmal nicht von der politischen oder Gesundheitsperspektive an, sondern von einer naturgeschichtlichen: Und es stellt sich heraus, dass das eine politisch sehr geladene Frage ist. Denn das Argument der Industrie lautete immer, dass hier nichts Neues passiere; die neuartigen Pflanzen seien nur weitere in einer langen Reihe von Modifikationen und selektiver Züchtung und "Biotechnologie" insgesamt. Die Industrie hat die Regierung davon überzeugt, dass ihre Produkte als "substantiell äquivalent" den konventionell angepflanzten Kartoffeln oder Sojabohnen seien. Zugleich aber sagen die Unternehmen dem Patentamt: Hier ist etwas revolutionär Neues! Gebt uns das Patent! Die GM-Pflanzen werden dementsprechend auch als Pestizide registriert. Die Industrie spricht also mit gespaltener Zunge.

Und wie sehen Sie das?

Pollan: Meine Schlussfolgerung war, dass es sich hier um etwas Neuartiges handelte, und zwar auf folgender Basis: Früher war Domestizierung (wie sie auch Darwin beschrieb) ein reziproker Prozess: Die Pflanzen schlugen die Eigenschaften vor, wir wählten sie aus. Alles, was eine Kartoffel oder ein Apfel sein können, alle Farben, Geschmäcker etc. waren bereits in den Genen angelegt. Darwin sagte: Der Mensch schafft nicht die Variabilität, sondern er wählt nur aus den Mutationen aus.

Jetzt erzeugen wir die Variabilität, jetzt überschreiten wir auch genetisch die Grenzen der Arten. Manche Wissenschafter haken da ein und sagen, Pflanzen hätten doch immer schon diese Grenzen überschritten. Das stimmt auf dem Niveau von Mikroben und Viren. Nur: Bei der Domestizierung und Züchtung von Pflanzen ist das bisher nicht geschehen. Wenn wir es versucht haben, kamen unfruchtbare Kreuzungen dabei heraus - da gibt es eine Art Barriere zwischen Arten, möglicherweise aus sehr guten Gründen. Vielleicht verhindert sie, dass Mikroben einer bestimmten Krankheit das ganze Leben auf der Erde auslöschen können.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich nun ziehen?

Pollan: Dass etwas neu ist, heißt natürlich nicht, dass es deswegen schlecht ist. Ich behaupte nur - und die Industrie will nicht einmal das zugeben -, dass es sich um etwas wirklich Neues handelt. Wenn man das aber zugibt, dann muss man viel vorsichtiger damit umgehen, als wir in den USA das getan haben. Man muss mehr regulieren, mehr wissen, bevor man 30 Millionen Hektar Land damit bepflanzt.

Sehen Sie eine Gegenbewegung zu dieser Entwicklung?

Pollan: Die gibt es in der Tat. Denn Monokultur ist langweilig, und der Kapitalismus seinerseits will die Menschen ja zu neuen Erfahrungen, neuen Wünschen anregen. Die Leute hier werden langsam auf neue alte Apfelsorten neugierig. Das wird von Küchenchefs gefördert, die erst recht etwas Neues bieten wollen. Und das große Agrobusiness nimmt sich auch der Sache an, was natürlich widersprüchlich ist. Wal-Mart, unter anderem die größte Lebensmittelkette des Landes, wird in Kürze organische Nahrung verkaufen.

Wird das viel bewirken?

Pollan: Enorm viel. Denn bisher wissen 95 Prozent der Amerikaner nicht einmal, was "organisch" überhaupt ist; diese Lebensmittel machen zur Zeit ca. ein Prozent des Marktvolumens aus.

Aber werden die Konsumenten einen organischen, aber verschrumpelten Apfel überhaupt akzeptieren?

Pollan: Das ist genau der Punkt: Wal-Mart wird keine verschrumpelten Äpfelchen in die Regale nehmen. Die müssen "Grade A" sein und genau so aussehen wie die anderen Äpfel. Wal-Marts Einstieg könnte auch einen ziemlich negativen Effekt auf die organischen Farmer haben. Denn wenn man plötzlich auf industriellem Niveau produzieren soll, dann konvertiert der Anbau zur Monokultur - in Kalifornien passiert das bereits -, und man hat dann wieder die Schädlingsprobleme etc., deretwegen man überhaupt auf organischen Anbau umgestiegen ist: ein Widerspruch und ein Teufelskreis.

Und eine nächste Ebene?

Pollan: Es gibt in den USA eine Bewegung namens "Be- yond Organic" mit noch höheren Standards. Die macht sich auch über die umweltschädliche transkontinentale Transportlogistik Gedanken und bezieht sie in die Gesamtrechnung ein. Da wird ein neues Kapitel aufgeschlagen. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 3./4. 11. 2001)

Interview: Michael Freund

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