Dionysos' Rückkehr in den Garten

7. November 2001, 14:15
1 Posting

Wir haben uns die Pflanzenwelt untertan gemacht - oder war es umgekehrt?

Kurz nachdem Michael Pollan mit seiner Familie nach Connecticut gezogen war, bemühte er sich, auf dem verwilderten Stück Land einen schmucken Garten anzulegen. Doch ein Woodchuck, eine amerikanische Murmeltier-Art, machte ihm dabei etliche Striche durch die Rechnung. Sein Kampf gegen den wühlenden Feind eskalierte zu seinem persönlichen Vietnam - "nach der Art: Wir mussten den Garten zerstören, um ihn zu retten": Schließlich goss er Benzin in die Erde, zündete es an - und verbrannte nicht dem Murmeltier das Grabloch, sondern, gerechte Strafe, sich selbst das halbe Gesicht.

Das war 1984, und es war sein Damaskus. "Ich war über mich selbst schockiert und zwang mich dazu, über mein Verhältnis zur Natur genauer nachzudenken." Bis dahin hatte der damalige Magazinredakteur Pollan es mit der Natur gehalten wie die meisten Amerikaner: Er kannte sie als Wildnis tief in den Wäldern, als Ort für religiös-spirituelle Erfahrungen à la Thoreau und Emerson. Über den praktischen Umgang mit den dort herrschenden Kräften aber wusste er wenig, und Gärten waren für ihn bloße Landschaftsgestaltung, sauber, praktisch, dem Menschen unterworfen.

*

Nun aber sah er sich auf seinem eigenen Land genauer um, um die Grenzen zwischen Natur und Kultur auszuloten. Er ging von dem bekannten Phänomen aus, dass Bienen, während sie Nektar aus Blüten saugen, zugleich Pollen auf ihren haarigen Körperteilen weiter transportieren und damit die Gene der Pflanze verbreiten. - "ein Beispiel von Bedürfnisbefriedigung, die beiden Teilen Überleben und Fortpflanzung sichert; also eine erfolgreiche Koevolution."

Diese Beziehung entdeckte Pollan auch zwischen den Pflanzen und den Menschen: "Auch wir sind Partner in einer koevolutionären Beziehung, mindestens seit dem Beginn der Landwirtschaft. So wie Form und Duft einer Apfelblüte bei der Wahl der Biene eine Rolle spielt, so wählen wir etwa Kartoffeln oder Äpfel nach Größe und Geschmack aus - und betreiben damit Selektion." Dass wir dies bewusst tun und uns daher als Lenker begreifen, ist vom evolutionären Standpunkt aus egal. Denn für die Pflanze ist das Resultat dasselbe: die Verbreitung ihrer Spezies.

*

Die Einsicht in die gegenseitige Bedingtheit war per se noch nichts Neues. Neu war die Radikalität, mit der Pollan die Wechselseitigkeit der Entwicklung verfolgte. Er entdeckte immer mehr "clevere Strategien" von Pflanzen, sich mit Hilfe der Zweibeiner, die sich bewegen und (wie die Bienen und viele andere Tiere) Samen verbreiten können, zu vermehren: Essbare Gräser (Weizen, Mais etc.) regten die Menschen dazu an, Wälder zu schlägern, um mehr Platz für sie zu machen, "und es gab Pflanzen, die so nützlich und schmackhaft waren, dass sie Menschen dazu inspirierten, sie anzupflanzen, zu transportieren, zu preisen und sogar Bücher über sie zu schreiben".

Michael Pollan schrieb so ein Buch. Es erschien im Frühjahr unter dem Titel The Botany of Desire, also Die Botanik des Verlangens (Begehrens, Wunsches, der Lust), und es unternimmt, so der Untertitel, eine "Weltsicht aus der Pflanzenperspektive". Es ist ein beeindruckendes und lesenswertes Buch geworden, weil der Autor nicht nur genau recherchiert und sich seiner Materie in vielerlei Hinsicht versichert hat, sondern auch wunderbar schreibt, mit Witz und einer poetischen Leichtigkeit, wie sie in diesem Themenbereich selten ist. Bei allen Ausflügen in die Geschichte und in verschiedene Teile der Welt bleibt Pollan immer auf dem ihm vertrauten Boden der Tatsachen: in seinem Garten, in dem die Argumente des Buches verankert sind.

In diesem Garten sitzen wir, umgeben vom großen Haus der Pollans, mehreren Schuppen, dem Baumhaus von Sohn Isaac, dem Studio seiner Frau Judith, einer Malerin, und einem kleineren Studio, in das Michael sich zum Schreiben zurückzieht. Es ist ein ziemlich wildes, im Herbst noch einmal über die Stränge schlagendes Stück Land - Pollan hat seit dem Murmeltier-Vietnam offenbar viel dazugelernt.

*

Wir sprechen über die vier Teile des Buches. "Ich konzentriere mich auf vier Pflanzen, mit denen ich schon einmal umgegangen bin, und schaue mir an, was sie für die Menschen so attraktiv macht. Das sind der Apfel und seine Süßigkeit; die Tulpe und ihre Schönheit; Marijuana und die Fähigkeit zur Berauschung; und die Kartoffel und die Chance der Kontrolle."

Diese vier Paare mögen auf den ersten Blick willkürlich erscheinen. Doch sie ergänzen einander wie Puzzle-Steine und erschließen jeweils einen neuen und überraschenden Zugang zum Thema Koevolution. Nehmen wir das Beispiel der Tulpen: In diesem Kapitel lässt Pollan sowohl die Kulturgeschichte dieser Blume par excellence Revue passieren als auch ihre ansteigende und in den Niederlanden Mitte des 17. Jahrhunderts völlig überschnappende Attraktivität für die Menschen - damals waren Tulpenzwiebeln plötzlich mehr wert als Gold. Pollan beschreibt, wie die "Fähigkeit" der Pflanze zur monokoloren Ikone sie über die meisten Konkurrentinnen erhob und wie sie auf bestimmte verdrahtete menschliche Vorstellungen von Schönheit eingehen konnte (siehe nebenstehendes Interview).

Bei den Tulpen entwickelt Pollan eine rudimentäre Naturgeschichte der Ästhetik, bei den Erdäpfeln eine Plattform für die Gen-Debatte (siehe Interview), beim Hanf führt er die Debatte über die Ursprünge von Religion, Kunst, Philosophie und bestimmter Hirnleistungen weiter (wir werden beim Erscheinen der deutschen Ausgabe noch ausführlicher darauf eingehen): "Das ist halt das Gute, wenn man nicht in eine bestimmte Schublade gehört", sagt der New York Times Sunday Magazine-Schreiber und Buchautor Pollan. "Ich bin auch kein Wissenschaftsautor. Allerdings steht Botany of Desire in den Buchhandlungen unter Science. Und es steht diesen Herbst auf der Leseliste von Botanik-Kursen an mehreren Colleges."

*

Der erste Teil des Buches, über Desire: Sweetness/Plant: The Apple, könnte auch in Amerikanischer Geschichte (übrigens Pollans Studien-Hauptfach), in Russischer Wissenschaftssoziologie, in Genetischer Forschung, Cultural Studies und sogar Marketing auf der Liste stehen. Das Kapitel beginnt im Frühjahr 1806 mit einer Bootsfahrt des Johnny Appleseed auf dem Ohio. Appleseed war ein von späteren Legenden überfrachteter Mann namens Chapman, der damals Millionen von Apfelkernen in dem noch wilden Westen Amerikas verstreute, Setzlinge eingrub und sozusagen mit der Linken das Obst in der Neuen Welt heimisch machte. Pollan reist mit einem Appleseed-Freak auf seinen Spuren und rekonstruiert die Rolle dieses "heidnischen Waldgottes" und "amerikanischen Dionysos" bei der Fähigkeit der Pflanzen, sich erfolgreich anzupassen. Die nicht veredelten Bäume pflanzten sich auf alle mögliche Weise fort, ihre Früchte waren überwiegend sauer, aber das war egal, sie dienten ja weniger zur Nahrung als vielmehr zur Erzeugung von Cider. Der Apfelwein wurde nämlich von den Puritanern toleriert, während sie das irrationale Vorurteil aus der Alten Welt gegen den welschen Rebensaft beibehielten (das ist nur eines der vielen Seitenfenster, die Pollan dem Leser öffnet).

Erst die Prohibition machte der Herrschaft des Cider ein Ende und zwang die Äpfelbauern zu neuen Absatzmaßnahmen. Der Slogan "An apple a day keeps the doctor away" ist keine traditionelle Volksweisheit, sondern entspringt den Marketingbemühungen der zwanziger Jahre. Mit der Veredelung und der Fähigkeit der Äpfelbäume, süße Früchte zu produzieren, verengte sich das Angebot zusehends auf wenige, dafür um so erfolgreichere Sorten, die heute, so Pollan, "in der auf Zuckrigkeit reduzierten Vorstellung von Süße mit junk food mithalten müssen".

*

Pollan verfolgt den Ursprung der Äpfel bis nach Kasachstan zurück - Alma Ata/Almaty, die Hauptstadt, bedeutet "Vater des Apfels" - und von dort retour nach Geneva, New York, wo eine der größten Gendatenbanken für Äpfel auch die uralten wilden Sorten aus Russland konserviert und auf Wunsch weitergibt (einen Setzling hat Pollan von dort mitgenommen; siehe Foto). Es liest sich äußerst spannend, was der Autor an dieser alltäglichsten aller Obstsorten abhandelt: die Suche nach den gefälligsten Äpfeln (der Granny Smith, die saure Ausnahme, verdanke seinen Erfolg "wahrscheinlich seiner Farbe und seiner praktischen Unzerstörbarkeit"), die drohende Überdomestizierung, die Gefahr für das Überleben der Sorten.

Pollan moralisiert nicht, sondern registriert die Phänomene mit Offenheit und einem Auge für kuriose Details. Phil Forsline etwa, den Leiter der Plant Genetic Resources Unit in Geneva, nennt er einen modernen Johnny Appleseed, der auf seine Art wieder die Wildheit in die apollinisch geordnete Pflanzenwelt einführt. In solchen Bögen gelingt es Michael Pollan, die Leser zu entführen. Sie werden dann vielleicht nicht mehr naiv in einen Apfel beißen, sondern sich daran erinnern, was es mit dieser Sorte auf sich hat - und was die Sorte davon hat, dass wir sie mögen. Das Schöne ist: Es wird dem Genuss keinen Abbruch tun. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 3./4. 11. 2001)

Wir haben uns die Pflanzenwelt untertan gemacht. Aber, so argumentiert der amerikanische Autor Michael Pollan, die Natur hat sich's dank den Menschen auch verbessert: Die Koevolution sei ein produktiver, wenn auch oft gefährdeter Prozess. Michael Freund war in Pollans Garten zu Besuch

Michael Pollan: The Botany of Desire. A Plant's-Eye View of the World.

$ 24,95/EURO 28,93/272 Seiten, Random House, New York 2001.

Eine deutsche Ausgabe wird im Frühjahr bei Claassen erscheinen.

Interview mit Michael Pollan
Share if you care.