Biografische Reibeflächen

4. November 2001, 21:27
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Ensemble On Line und Vienna Loop Orchestra bei Wien Modern

Wien - Es ist schon verblüffend, wie viele Komponisten sich im Laufe der Zeit zur Auseinandersetzung mit Adolf Wölfli angeregt, zur Stellungnahme herausgefordert sahen. Die Ambivalenz von moralischem und künstlerischem Urteil sowie der verzweifelte Schaffensrausch, mit dem der Schweizer, über 35 Jahre bis zum seinem Tod 1930 zwangspsychiatriert, gegen Isolation und innere Leere ankämpfte, dies alles berührt nach wie vor aktuelle Momente der Existenz, bietet Reibeflächen für Reflexion.

Germán Toro-Pérez verlegte die Auseinandersetzung mit den Wölflischen Text-Bild-Musik-Collagen im Rahmen seines Opus Stadtplan von New York gleichsam in die innere, dicht gearbeitete Feinstruktur. In filigranen Verästelungen, repetitiv vorangetrieben, bestimmte klangliche Zielpunkte zu neuen Entwicklungsbasen umdeutend, erschlossen sich im Konzerthaus tableauartige Klangfelder voll konzentriertem Innenleben. Gösta Neuwirths Neubearbeitung der Wölfli-Tragifarce erstaunte hingegen durch ihren Mut zur amüsanten Heterogenität. Ein Protagonist, der sein als unerwünscht empfundenes Leben für das eines zum Tode verurteilten Delinquenten anbietet, erfährt in den elektronischen Powerbook-Sounds von Pure ein erratisches Backing.

Auch der Kunstgriff, szenische Parts mittels spontan dirigiertem Notenblattrascheln zu überbrücken, gliederte sich nicht eben bruchlos in die Ensemblepartitur ein, die auch sonst zwischen kollektiven Ausbrüchen und ironischen Zitaten oszillierte. Als aussagekräftigste Piece des Abends verdient Georg Friedrich Haas' Kurzoper Adolf Wölfli apostrophiert zu werden: Autistisch monologisierend, zeigt sich Wölfli darin tief in sexuellen Fantasien und Schuldkomplexen verstrickt. Das wiederkehrende Motiv der "obligaten Hinrichtung" dient der Bewusstwerdung des Unausweichlichen.

Georg Nigl glänzte in der Darstellung des zwischen Expressivität und Lakonik springenden Parts Wölflis; Simeon Pironkoff und das Ensemble On Line Vienna waren auch dieser von mikrotonalen Schichtungen geprägten Partitur ein gewissenhafter Anwalt. Diente Haas das Element der Wiederholung als inhaltliche Metapher, so hatte das Vienna Loop Orchestra dieses Strukturprinzip zum Grundsatz erhoben.

Akustische, gesampelte und elektronische Klangschleifen wurden übereinander gelegt, doch fand diese zeitgemäße Minimal Music selten zu Spannung. Eingeflochtene lineare Einheiten bewiesen, wie belebend strukturelle Reibung wirken kann.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 11. 2001)

 Von
 Andreas
 Felber



WEB-TIPP:

wienmodern.at

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