Haider: Reibebaum gesucht - von Conrad Seidl

4. November 2001, 18:48
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Am besten ist Jörg Haider dann, wenn er sich an einem großen, mächtigen Gegner reiben kann. Da tobt das Publikum, weil der Jörg eben "einer ist, der sich was traut", wie Haider bereits vor zwanzig Jahren für sich werben ließ. So ist er selber groß geworden.

Aber es ist halt immer schwieriger geworden, lohnende Gegner zu finden. Im Land sowieso: Da ist Haider nicht nur für die eigene Partei, sondern auch für weite Bevölkerungskreise ohnehin der Größte, wenn er sich mit jemand anderem anlegt, wertet er diesen unnötig auf. Außerdem führt die Kärntner ÖVP wieder einmal ihre Bedeutungslosigkeit selbst vor - und die SPÖ ist als Partner für eine Zwischensaison notwendig, aus dieser taktischen Erwägung heraus daher zu schonen.

In der Bundespolitik sind zwar die Vorzeichen umgekehrt, die Lage ist aber ähnlich: Der SPÖ ihre Fehler von früher vorzuwerfen wird langsam fad. Der regierenden ÖVP oder gar der eigenen Partei ihre Fehler von heute vorzuwerfen ist eine auch schon abgenutzte Schablone. Außerdem dürfte Haider gelernt haben, dass häufige Einmischung in die Bundespolitik nicht nur der FPÖ als Partei schadet, sondern auch sein eigenes Image gefährdet: Wer ständig dreinredet, wird nicht gefragt, wenn's einmal darauf ankommt. Wenn's schon nicht Weisheit ist, die ihm Zurückhaltung ratsam scheinen lässt, ist es Taktik.

Woran also soll er sich reiben? Auf dem Kärntner Parteitag hat Haider sich darauf verlegt, die globalisierte Wirtschaft anzugreifen, die für viele Klein- und Mittelbetriebe "den Tod bedeuten kann", und die EU-Osterweiterung, "wenn sie den heimischen Bauern schadet". Für solche Äußerungen bekommt man Applaus im Kärntner St. Margarethen - aber den Eindruck, dass hier die tiefe Provinz spricht, wird man nicht los. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 5.11.2001)

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