Der Kosovo-Mythos - von Andrej Ivanji

4. November 2001, 18:50
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Über seinen eigenen Schatten musste Jugoslawiens Präsident Vojislav Kostunica springen, um die Serben aufzurufen, sich an den Wahlen im Kosovo zu beteiligen. Denn einerseits sollen die von der UNO-Zivilverwaltung organisierten Wahlen Ordnung im Chaos in der Provinz schaffen und die Macht auf lokale Behörden übertragen. Andererseits werden diese Wahlen die mehrheitlich von Albanern besetzten Institutionen legalisieren und die im Kosovo verbliebenen Serben als nationale Minderheit definieren, die in der "Wiege des Serbentums" recht wenig zu sagen hat. Immerhin drückte sich der national gesinnte, tief religiöse Kostunica trotz aller Zweifel vor seiner Verantwortung nicht und besiegelte pragmatisch den kriegerischen Kosovo-Mythos über die "heilige serbische Erde". Nur wenn sie an international anerkannten Institutionen teilnehmen, haben die Serben im Kosovo Überlebenschancen.

Die Staatengemeinschaft kann zufrieden sein, denn man spricht gern über eine "multiethnische Gesellschaft" im Kosovo, ein allgemeiner Wahlboykott der Kosovo-Serben wäre ein unerwünschter Schönheitsfehler nach der gewaltigen militärischen und zivilen Intervention in der Provinz. Die de facto ethnische Säuberung der Serben wird weitgehend verschwiegen.

Zwar definiert die UN-Resolution 1244 den Kosovo formal als einen Bestandteil Jugoslawiens, doch Belgrad hat die Kontrolle über die Provinz längst verloren. Und das Ziel ausnahmslos aller kosovo-albanischen Parteien nach der zehnjährigen serbischen Repression ist ein unabhängiger Kosovo. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Kosovo-Albaner den nächsten Schritt in Richtung Unabhängigkeit machen werden. Sowohl die EU als auch die USA wissen, dass ihre Unabhängigkeitsbestrebungen nicht aufgehalten werden können. Nur sagt es niemand. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 5.11.2001)

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