Euromed-Konferenz: Mittelmeerklima - von Jörg Wojahn

4. November 2001, 18:54
posten
Unbill für die EU rund um das Mittelmeer. Marokko und Spanien liefern sich weiter diplomatische Scharmützel. Syrien brüskiert den Besucher Tony Blair bei der Frage "Wer ist ein Terrorist?". Der türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit fährt grobe Geschütze auf und droht in ungewohnter Klarheit, das türkische Nordzypern zu annektieren, falls der Süden der Insel in die Europäische Union aufgenommen wird.

Damit ist das Mikroklima auf der Euromed-Konferenz, dem Treffen der EU-Außenminister und ihrer Amtskollegen aus zwölf südlichen Mittelmeer-Anrainerstaaten, das heute, Montag, in Brüssel beginnt, ausreichend vorbelastet. Dabei haben die Europäer den Barcelona-Prozess, also die politische, wirtschaftliche und kulturelle Annäherung der mediterranen Nachbarn, 1995 doch unter anderem gestartet, um im Süden für gute Stimmung zu sorgen - wenn nötig mit dem Scheckbuch. Denn nur zufriedene Mittelmeerländer geben sich Mühe, die Flüchtlingsströme in Richtung Norden zu unterbinden.

Gerade Ecevit scheint in diesen Tagen besonders unzufrieden zu sein, sonst würde er nicht in der Zypernfrage für einen Donnerschlag sorgen. Ein Grund dafür ist wohl seine Enttäuschung darüber, dass die EU der Türkei nicht in dem Maße entgegenkommt, wie es das Land, das von den USA wegen der Afghanistankrise derzeit besonders hofiert wird, für angemessen hielte.

Immerhin stimmt jedoch das Makroklima bei diesem Euromed-Treffen. Noch im vergangenen Jahr waren der syrische und der libanesische Außenminister demonstrativ ferngeblieben, um nicht mit ihrem israelischen Kollegen an einem Tisch sitzen zu müssen. Heuer aber sind sie dabei: Offenbar möchte Damaskus damit das EU-Engagement im Nahost-Friedensprozess honorieren. Vielleicht geht hier in Brüssel sogar etwas voran. Denn die EU-Troika will Palästinenserchef Yassir Arafat und Israels Außenminister Shimon Peres - separat - ins Gebet nehmen. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 5.11.2001)

Share if you care.