Die neue Angst vorm Fliegen - von Biljana Srbljanovic

4. November 2001, 22:04
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oder: Reisende soll man nicht aufhalten

Als Begleiterscheinung der Medienrevolution in Sachen Krieg und Kriegsführung ist offenbar eine neue "Reisephobie" ausgebrochen: In Zeitungskolumnen und -kommentaren häufen sich die Geständnisse von Journalisten über ihre eigene neue Angst vor Flugreisen; wir lesen von Kindern, die in Amerika zu weinen beginnen, wenn Vater und Mutter denselben Flug nehmen, und dass immer mehr Reisende ein Testament aufsetzen oder sonst wie ihren letzten Willen bekunden, bevor sie in eine Maschine steigen; in den Reisebüros informiert man uns über die neuen (natürlich höheren) Preise für die Flughafentaxe, die aus "Sicherheitsgründen" verlangt werden, und dass man zum Einchecken drei Stunden vor Abflug zu erscheinen hat.

Ein amerikanischer Komiker sublimiert das im Fernsehen folgendermaßen: "Wenn Ihr Vorname Muhammad und Ihr Nachname nicht Ali ist - kommen Sie vier Stunden vorher."

Wenn Sie im Handgepäck ein Manikürbesteck haben, müssen Sie es wegwerfen, wenn Sie wie ein "nahöstlicher Typ" wirken wie ich zum Beispiel (dunkles Haar, dunkle Augen, auffällig dunkle Brauen und Ähnliches), machen Sie sich darauf gefasst, dass Sie vor den Flughafenbeamten die Schuhe ausziehen und das Haar lösen müssen - damit man aus "Sicherheitsgründen" Ihre Strümpfe und Ihren Scheitel untersuchen kann.

Wenn Sie eine ungewöhnliche Staatsangehörigkeit haben (meine serbische ist geradezu schockierend), müssen Sie geduldig zusehen, wie Ihr Pass einer halbstündigen "Expertise" durch den Grenzpolizisten unterzogen wird, obwohl Sie ein gültiges und schwer erkämpftes Visum besitzen.

Das geht auf manuellem bzw. optischem Weg (der Polizist blättert unendlich lange die Seiten des Passes durch, betrachtet eine Viertelstunde lang das Foto und betastet jede Falte des Einbands), und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Malträtieren der Passagiere einzig und allein dem Zweck dient, diesen jede künftige Reise zu verleiden.

Logische Gründe?

Wenn Sie sowohl ein "nahöstlicher" Typ sind als auch eine ungewöhnliche Staatsbürgerschaft besitzen (also schon wieder ich!) und außerdem über einen kleinen Flughafen in dem Teil der Vereinigten Staaten der Zivilisierten (bekannter als EU) reisen wollen, wo die Rechte an der Macht ist, geben Sie besser gleich auf. Denn man wird Ihre Unterwäsche abtasten, jedes Buch gründlich durchsehen, die Mascara für eine Stichwaffe halten und Sie dabei auch noch fürchterlich anschreien.

Die Gründe dafür sind einleuchtend, wird jeder sagen, lieber lass' ich mich hundertmal filzen, als dann mit einem Selbstmordterroristen im Cockpit zu sitzen, und warum jetzt in diesem historischen Augenblick überhaupt reisen?

Lohnt es, daran zu erinnern, dass die gefährlichen Terroristen in eben den Ländern ausgebildet wurden, die sie angreifen, dass sie die Staatsbürgerschaft (und den Pass) all dieser unzugänglichen Länder haben, dass noch nie jemand einen anderen mit einer Haarspange oder Nagelschere gemeuchelt hat und dass die ganze Sache wenigstens ohne Geschrei abgehen könnte?

Lohnt es zu sagen, dass die Tortur, der die Reisenden ausgesetzt sind, ein Teil des psychologischen Krieges gegen zivile Denkweisen ist, dass die scheußlichen Erfahrungen mit den Zöllnern uns alle vom Reisen abhalten sollen, von menschlichen Kontakten, auch zwischen "Zivilisierten" und "Unzivilisierten"?

Lohnt es zu sagen, dass all das darauf abzielt, dass wir brav zu Hause bleiben, vor dem Fernseher hocken, uns auf die tägliche Marschroute Arbeit- Heim-Supermarkt beschränken und die Welt aus sicherer Entfernung betrachten?

Wozu überhaupt reisen? Wenn es um den Wunsch nach Veränderung geht, nach Begegnungen, Erkenntnissen, um das Recht auf Bewegungs-und Entscheidungsfreiheit, dann ist das in diesem Augenblick kein Argument.

Anders reisen

Die Menschen reisen aber nicht nur aus Spaß, sie tun das auch, weil sie angewidert sind, entsetzt, mit sich selbst unzufrieden, weil sie fliehen wollen, weil sie nicht akzeptieren, dass das Leben nur das ist, was wir gerade leben. Darum gibt es so viele Reisende auf der Welt. Denn wer hat nicht genug von sich selbst und der Welt, in der er lebt? Wer lechzt nicht nach Veränderung, wer kann heute sagen "Ich bin glücklich, und mir geht es gut"?

Deshalb: Wenn Sie vor sich selbst fliehen wollen, nehmen Sie nicht das Flugzeug; der Zusammenstoß mit der Welt kann so schmerzhaft sein, dass er Sie zum selbstmörderischen Reisenden macht, und unter der Last Ihrer Verzweiflung könnte das Flugzeug dann plötzlich von selbst abstürzen. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 5.11.2001)

Die 1970 in Belgrad geborene Autorin ist Dramatikerin in Belgrad; bekannt wurde sie im deutschsprachigen Raum vor allem durch ihre mehrfach ausgezeichneten politischen Theaterstücke "Familiengeschichten. Belgrad" und "Belgrader Trilogie"; ab 5. November 2001 schreibt Biljana Srbljanovic auf der Seite "Kommentar der anderen" (Print-Ausgabe) jeden zweiten Montag, alternierend mit Barbara Coudenhove-Calergi.
Übersetzung aus dem Serbischen: Barbara Antkowiak
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