Im leichten Tüll der Nachtgespenster

4. November 2001, 21:11
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Das Staatsopernballett tanzt "Giselle"

Wien - Mit dem 1841 an der Pariser Oper uraufgeführten, von Heines Erdgeistern inspirierten Zweiakter Giselle zur Musik von Adolphe Adam erreichte das romantische Ballett seinen Höhepunkt: Dank seiner fantastischen Aura gehört Giselle heute noch zu den beliebtesten Stücken großer Kompanien. Erzählt wird die tragische Liebesgeschichte zwischen dem Bauernmädchen Giselle und Herzog Albrecht. Giselle stirbt an gebrochenem Herzen und wird zur Wili, zu jener Geistergestalt, die mit ihren Schicksalsschwestern zu mitternächtlicher Stunde Männer in ihren fatalen Bann zieht.

An der Staatsoper fand am Freitag die Wiederaufnahme von Elena Tschernischovas nach Jean Coralli, Jules Perrot und Marius Petipa für Wien 1993 geschaffenen Choreographie und Inszenierung statt. Tschernischova, von 1991 bis 1993 Wiener Ballettdirektorin, war persönlich nicht gekommen, überließ die Einstudierung Brigitte Stadler, der ehemaligen Ersten Solotänzerin, deren Interpretation der Titelfigur noch in bester Erinnerung ist.

Stadler hat sich sichtlich Mühe gegeben, ganz im Sinne Tschernischovas vorzugehen - sie fordert das technische Potenzial des akkurat tanzenden Ensembles. Nur irgendwie wirkt alles noch zu steril, vermisst man insgesamt überzeugende Emotionen und mitreißende Verve. Mag sein, dass das aber am lauen Klang des unter Conrad Artmüller spielenden Orchesters liegt.

Zurückhaltende Eleganz dominiert Tschernischovas "schwarz-weiße" Inszenierung: Dementsprechend Ingolf Bruuns grau gehaltenes Bühnenbild, das an romantische Federzeichnungen erinnert; dezente Farben bestimmen Clarisse Praun-Maylunas' Kostüme im realistischen, auf dem Land spielenden ersten Akt, leichter Tüll überwiegt im Reich der Wilis.

Eva Petters (Giselle) gelingt der Wechsel vom frisch verliebten Mädchen, das als Betrogene in Wahn verfällt und zur ätherischen Wili wird: makellos ihre technische Interpretation. Mit Gregor Hatala (Herzog Albrecht) gibt sie ein prächtiges Tanzpaar. Problemlos führen beide die bravourösen Schritte aus, agieren ganz nach dem vorgegebenen Muster, verweigern sich so aber noch jeglichem individuellen Ausdruck.

Wunderbar gelingt der Auftritt der Wilis im zweiten Akt: 24 Ballerinen queren in gehüpfter Arabesque mit vor der Brust gekreuzten Armen die Bühne, halten die Balance. Das einheitliche Corps de ballet muss man schon dafür loben. Hingegen allzu schwer und irdisch wirkt Shoko Nakamura als Myrtha, die unerbittliche Königin der Wilis. Vom Publikum wurde die Aufführung mit großem Applaus bedacht. Dennoch, der diesem Ballett eigene Zauber hat sich vorläufig nicht eingestellt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 11. 2001)

 Von
 Ursula
 Kneiss


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