Sinfonische Knödel als deftiges Konzertmenü

4. November 2001, 21:45
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Smetanas "Mein Vaterland" im Musikverein

Wien - So ein Philharmonisches am späten Sonntagvormittag ist schon was wirklich Feines. Who's who live in Prachtausgabe, im Saal und erst recht auf dem Podium: Die Wiener Philharmoniker, frisch zurück von ihrer Beethoven-Tournee, und Nikolaus Harnoncourt - in stolzer Vorfreude auf das "Doppelplatin", das ihm nach dem Konzert für 100.000 verkaufte Scheiben des Neujahrskonzertes überreicht werden sollte.

Unter so animierenden Auspizien steht man Friedrich Smetanas patriotischen Zyklus Mein Vaterland freilich leicht durch. Allen jenen aber, die nach dem Konzert nichts anderes erwartete als der sonntägliche Mittagstisch, könnten diese sechs deftigen sinfonischen Knödel trotz sorgfältigster philharmonischer Zubereitung den Appetit schon hinreichend gestillt haben.

In der Haute Cuisine des Konzertlebens pflegt man, wenn es schon etwas aus diesem Zyklus sein muss, rücksichtsvollerweise nur die kulinarisch ergiebige Moldau zu servieren. Doch als Ganzes ist der Hörgang durch dieses Vaterland bei weitem nicht so lohnend, wie er anstrengt.

Nicht alle Piecen haben die von Harnoncourt und den Philharmonikern bestrickend realisierte lyrische Eleganz der Moldau und auch nicht die strukturelle Dichte und die formale Attraktivität von Aus Böhmens Hain und Flur.

Sicher sorgen auch die einleitenden Responsorien der beiden einander gegenüber platzierten Harfen in Vysehrad für ahnungsvolle Mythennostalgie. Ansonsten überwiegen jedoch simplere melodische und rhythmische Muster, deren Präsenz durch die meist schwerenöterisch behäbigen und umständlich langen Schlusspassagen noch auffälliger wird.

So war es nicht verwunderlich, dass das Publikum das, was es nicht hörte, im Programmheft zu suchen begann. In Otto Bibas Einführungstext wurde man fündig. Er ortet den Belang dieses Werkes vor allem in seiner politischen Position: Sind diese sechs Tondichtungen doch wichtige Dokumente des im Verlauf des 19. Jahrhunderts in den Kronländern der Monarchie erwachenden Nationalbewusstseins. Vielleicht fügt ein komponierender tschechischer Zeitgenosse diesen noch eine siebente an mit dem Titel Temelín.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 11. 2001)

 Von
  Peter Vujica


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