Umstrittener Ruf zu den Waffen

5. November 2001, 19:58
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Verwirrung um Afghanistan-Einsatz britischer Muslime

London - "Wir werden die Bibel durch den Koran ersetzen", "Auf zum Djihad", "Nieder mit Amerika": Für Journalisten ist es ein Leichtes, in Großbritannien ansässige Muslime mit derartigen Aussagen zu zitieren. Als unerschöpfliche Quelle erweisen sich Mitglieder der von Sheikh Omar Bakri Mohammed geführten radikalen Organisation Al-Muhajiroun mit Stützpunkt in der Moschee im Londoner Finsbury Park.

Tausende britische Muslime, in ihrer Mehrzahl Nachkommen pakistanischer Immigranten, sind nach Angaben Sheikh Omars bereits nach Afghanistan gegangen, um dort aufseiten der Taliban zu kämpfen. Von Südengland über Manchester bis hin ins schottische Glasgow würden systematisch neue Rekruten angeworben. Drei bis fünf junge Männer aus Luton und Crawley bei London sollen jüngst bei einem US-Bombenangriff auf Kabul sogar ums Leben gekommen sein.

Hochverratsprozess droht

Das Innenministerium reagierte auf diese Meldungen mit der Drohung, gegen britische Muslime, die in Afghanistan kämpften, bei ihrer Rückkehr einen Hochverratsprozess anzustrengen. Auch Verteidigungsminister Geoff Hoon drohte potenziellen Djihadis mit Gefängnisstrafen. Die Sicherheitsdienste wurden angewiesen, jegliche Rekrutierungsoffensive zu unterbinden.

Zugleich aber verlauteten aus Whitehall und Scotland Yard Zweifel an der Richtigkeit der Meldungen über die Toten wie auch an den Aussagen von Sheikh Bakri und seinen Mitstreitern. Einige Dutzend britische Muslime mögen nach Afghanistan gezogen sein, hieß es, kaum aber Hunderte. Allerdings würden rund 200 Personen überwacht, die in der Vergangenheit in Kriegen wie dem in Tschetschenien mitgemischt haben sollen.

Während einige Angehörige und Bekannte der Toten von "Märtyrern" sprachen, nannten andere sie verwirrte Idealisten. Vertreter des Muslimischen Rates von Großbritannien, des selbst ernannten Muslimischen Parlaments sowie des Muslimischen Kollegs warnten ihrerseits davor, die "Prahlerei" des "mediengierigen" Sheikh Omar ernst zu nehmen. (Brigitte Voykowitsch, DER STANDARD, Printausgabe 5.11.2001)

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