Deutschland: Über vier Millionen Arbeitsplätze gefährdet

4. November 2001, 17:48
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Wegen Konjunkturflaute - Baubranche bereitet größte Sorgen

Berlin - Wegen der lahmenden Konjunktur erwarten die Chef-Volkswirte mehrerer deutscher Großbanken in den nächsten Wochen einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen in Deutschland auf mehr als vier Millionen. "Wir müssen uns auf einen sehr harten Winter einstellen, schlimmer, als wir alle dachten", sagte Martin Hüfner von der HypoVereinsbank (HVB) der "Bild am Sonntag". Noch in diesem Jahr sei mit über vier Millionen Arbeitslosen zu rechnen. Auch Hüfners Kollegen Klaus Friedrich von der Dresdner Bank und Jürgen Pfister von der Commerzbank rechnen mit ähnlich hohen Arbeitslosenzahlen. "Wir befinden uns am Rande einer Rezession", sagte Friedrich der Sonntagszeitung.

Die größten Probleme bereitet der Zeitung zufolge die Baubranche mit derzeit noch 2,75 Millionen Beschäftigten. "Im nächsten Jahr fallen nach unseren Berechnungen rund eine Viertelmillion Arbeitsplätze weg, der überwiegende Teil davon in den neuen Ländern", sagte Volker Rußig vom Münchner ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Grund sei die deutlich nachlassende Baunachfrage. Auch das Handwerk, das ursprünglich 120.000 von 5,8 Millionen Stellen abbauen wollte, habe seine Zahlen nach oben korrigiert. Jetzt würden als Folge der Anschläge in den USA bis zum Jahresende 200.000 Arbeitsplätze wegfallen, sagte Doreen Gloede vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH).

Metallindustrie hofft verschont zu bleiben

Dagegen hofft die Metallindustrie der "Bild am Sonntag" zufolge, von der Krise verschont zu bleiben. Arbeitsplätze stünden trotz drastischer Auftragseinbußen in Maschinenbau und Elektroindustrie nicht zur Disposition. "Entlassungen sind das allerletzte Mittel", sagte Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegießer der Zeitung. Die schwache Konjunkturphase solle durch die Auflösung von Arbeitszeitkonten der Beschäftigten und nötigenfalls Kurzarbeit gemeistert werden.

Auf Gewerkschaftskritik stieß die Absicht der Großbanken Deutsche Bank, Dresdner Bank, HVB und Commerzbank, bis 2003 gut 30.000 der insgesamt 210.000 Stellen abzubauen. "Die Banken sind nur Trittbrettfahrer", kritisierte Uwe Foullong von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Die Institute nutzten die gedrückte Stimmung aus, um auf Kosten der Arbeitnehmer zu sparen. "Dabei geht es der Branche gar nicht so schlecht".

Eine schnelle Erholung ist nach Einschätzung der Banken-Volkswirte nicht in Sicht. Pfister forderte Zinssenkungen, um die Kaufkraft zu stärken und die Konjunktur anzukurbeln. Die Europäische Zentralbank (EZB) habe Spielraum für kräftige Zinssenkungen. Niemand verstehe das Zögern der Zentralbank. (APA/Reuters)

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