Ewiges Kind im Zeichen des Löwen

5. November 2001, 00:20
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Harry Potter, Waise, Zauberlehrling, Liebling der Massen, jetzt Kinoheld und 'Kopf des Tages'.

An dieser Stelle als "Kopf des Tages" samt allen biografischen Feinheiten gewürdigt zu werden ist im Fall des berühmtesten Zauberlehrlings Harry Potter gerechtfertigt, aber nicht ganz einfach. Schon das Geburtsdatum gestaltet sich kompliziert: Harry wurde am 31. Juli geboren, also im Zeichen des Löwen, aber: in welchem Jahr?

Als im Vorjahr Harry Potter und der Feuerkelch die Bestsellerlisten stürmte, war Harry 14 und besuchte die 4. Klasse der Zaubererschule Hogwarts - von der wiederum keiner weiß, wo in England sie liegt. Gleichzeitig will Joanne K. Rowling Band fünf und somit das 5. Schuljahr Harrys erst 2002 auf den Markt bringen. Der Sohn des unter tragischen Umständen verstorbenen Zaubererehepaars James und Lilly Potter altert offenbar langsamer als seine Leser.

Aber die normalen Menschen nennt er ohnehin Muggel, und vielleicht bleibt er für uns ewig jung: Mitte November zum Beispiel startet auch in Österreich die Verfilmung des ersten Teils der auf sieben Folgen angelegten Serie, Harry Potter und der Stein der Weisen. Also wird Harry bis auf weiteres einerseits von seinen Muggelzieheltern, den Dursleys, gequält werden. Er wird immer wieder den Bahnsteig 9 3/4 wählen, um zu Beginn eines Schuljahres nach Hogwarts zu reisen. Er wird bis auf weiteres ziemlich alterslos ein besserer Sportler als Streber sein. Das Lernen überlässt er seiner Freundin Hermine, und ob die sich demnächst in Harry oder den rothaarigen Ron verliebt, beschäftigt Fans in der ganzen Welt.

Manche Leute sagen, Harry Potter sei sehr stark den jesushaften Heilsbringer-Helden aus Star Wars und Spielberg-Filmen nachempfunden, also für Hollywood-Adaptionen besonders geeignet. Andere meinen, Joanne K. Rowling hätte das Universum rund um ihren Helden mit überwältigend liebevollem Detailreichtum ausgestattet. Es sei also kein Wunder, dass nach einer ersten Auflage von 500 Stück heute die ganze Welt im Potter-Taumel liegt.

Manche Kinder spielen dann Millionenquiz mit Fragen wie:
Welches Haus gewinnt den Hauspokal am Ende von Harrys erstem Schuljahr?
a) Gryffindor,
b) Hufflepuff,
c) Slytherin?

Oder: Wie erkennen Hogwarts-Schüler, dass eine Schulstunde vorüber ist und die nächste beginnt?
a) Die Schlossglocke läutet.
b) Ein Geist bringt sie zur nächsten Stunde.
c) Ein Pfiff ertönt.
Also? Wie?

Während viele Potter-Verehrer über solchen Details brüten, wird Harry selbst seinen Charme bewahren, weil er gegenüber Verehrung immer ein wenig ignorant ist: "Warum bin gerade ich so berühmt", fragt er mitunter. Na klar, wegen der blitzförmigen Narbe auf seiner Stirn und seinem Erzfeind Lord Voldemort und, und, und. Aber dafür ist so ein "Kopf des Tages" viel zu kurz.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 11. 2001)

 Von
  Claus Philipp


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