"Weil wir uns immer wieder unserer Grundwerte vergewissern und bekräftigen, dass wir an ihnen festhalten wollen"

5. November 2001, 13:09
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Das Dokumentationszentrum auf dem Nürnberger Reichsparteitags-Gelände

Nürnberg - In Nürnberg ist am Sonntag das "Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände" eröffnet worden. Bundespräsident Johannes Rau appellierte an die Deutschen, sich mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. "Nicht wegen Schuld und Verantwortung, sondern weil wir uns auch immer wieder unserer Grundwerte vergewissern und bekräftigen, dass wir an ihnen festhalten wollen", sagte Rau.

"Wegen dieser Grundwerte müssen wir auch den Terrorismus weltweit entschlossen bekämpfen", forderte Rau. Dabei unterstrich der Bundespräsident, dass auch im Kampf gegen den Terrorismus gelte: "Der Zweck heiligt nicht jedes Mittel." Die Verhältnismäßigkeit und die Erfolgsaussichten dieser Mittel müssten immer wieder überprüft und wenn nötig auch korrigiert werden, hob Rau hervor.

Die Banalität des Größenwahns

Das Faszinierende an den Parteitagen und ihre Funktion im Herrschaftssystem der Nazis solle erklärt werden, sagte Franz Sonnenberger, Direktor der Museen der Stadt Nürnberg. Es gibt nur wenige Ausstellungsstücke. Von der "Stadt der Reichsparteitage" ausgehend, lenken sie den Blick auf die Geschichte Deutschlands und Europas zwischen 1933 und 1945. Die Texte auf den raumhohen, schwach beleuchteten Glastafeln sind knapp und einfach. Viele Bild-, Ton- und Filmdokumente werden in Nürnberg zum ersten Mal gezeigt. Ein Tonband-Führer liefert die nötige Hintergrundinformation. In einem Studienforum auf dem Dach der Kongresshalle kann der Besuch in Seminaren vertieft werden.

Wichtigstes Stück der Ausstellung ist die Kongresshalle selbst. "Die endlosen Ziegelsteinfluchten sollten gerade die Banalität des nationalsozialistischen Größenwahns zum Ausdruck bringen", sagte Sonnenberger. Nackte Backsteinwände, halb gemauerte Fensternischen, frei liegende Kabelenden zeigen den Rohbau, wie die Nazis ihn hinterließen.

Die Konstruktion

Statt neue Museumsräume zu schaffen, orientiert sich die Ausstellung an der vorhandenen Struktur. Erschlossen werden die über drei Ebenen verteilten Räume von einem Pfahl aus Glas und Stahl. Er führt vom Innenhof der Kongresshalle quer durch das Gebäude absteigend wieder zurück in die Gegenwart. Auf den 130 Metern Weg dorthin blickt der Besucher in den Standartenhof und die zu Repräsentationsfeiern der Nazis erbaute Säulenhalle.

Die Konstruktion des Grazer Architekten Günther Domenig durchbricht den von Hitlers Chefarchitekt Albert Speer entworfenen Monumentalbau. "Ich habe einen Speer in den Speer geschossen", sagte Domenig. Den Winkeln, Achsen und schweren Baumaterialien der Naziarchitektur setzte er Glas, Stahl und schiefe Winkel entgegen. Bis zu fünf Meter dicke Wände wurden für den Bau des begehbaren Pfahls durchbrochen.

Die "Stadt der Reichsparteitage"

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat Nürnberg nun einen Ort, an dem es sich der eigenen Geschichte stellt. "Der Weg zur Realisierung dieses ehrgeizigen Projekts war lang und steinig", sagte Oberbürgermeister Ludwig Scholz. Da die Stadt ihre Vergangenheit weder entsorgen könne noch wolle, "haben wir uns der Herausforderung gestellt". Das Dokumentationszentrum erwartet mindestens 100.000 Besucher im Jahr. Spielstätte für Selbstinszenierungen

Von 1933 bis 1938 veranstalteten die Nazis immer im September ihre Reichsparteitage in Nürnberg. Sie dauerten fünf bis acht Tage und sollten die "Volksgenossen" zusammenschweißen. Bei den im Volksmund "Adolf-Hitler-Festspiele" genannten Veranstaltungen konnten sich alle Parteiformationen, wie SA, SS, Hitler-Jugend und Reichsarbeitsdienst bei Aufmärschen und Führerappellen präsentieren.

"Führerstädte"

Mit der Auswahl Nürnbergs als Schauplatz der Reichsparteitage wurde die einst rote Arbeiterstadt zu einer der fünf "Führerstädte" ernannt. Für die Stadt sprachen neben ihrer Rolle im Mittelalter als Ort der kaiserlichen Reichstage auch ihre verkehrsgünstige Lage, die starke Stellung der NSDAP und die vorhandenen geeigneten Flächen.

Auf einem Gelände von der fünffachen Größe der Nürnberger Altstadt ließ sich Hitler unter anderem von seinem Lieblingsarchitekten Albert Speer eine Spielstätte für die Selbstinszenierungen schaffen. Ein Teil der Bauten ist bis heute erhalten.

- Kongresshalle: Der dem römischen Kolosseum nachempfundene 275 Meter lange und 265 Meter breite Rundbau sollte als Herzstück des Geländes 50.000 Zuschauern Platz bieten. Bei Kriegsbeginn wurden die Arbeiten eingestellt. Der Torso wurde nach dem Krieg unter anderem als Lager, Musikstudio und für Konzerte genutzt. Im nördlichen Kopfbau wurde jetzt das Dokumentationszentrum zur NS-Propaganda eingerichtet.

- Große Straße: Die 60 Meter breite und zwei Kilometer lange Straße diente als Aufmarschfläche.

- "Deutsches Stadion": Der gigantische Bau sollte bei "Kampfspielen" 400.000 Menschen aufnehmen. Er wurde nie ausgeführt. Von den Plänen zeugt heute nur noch eine mit Grundwasser voll gelaufene Baugrube.

- Märzfeld: Auf dem Platz am südlichen Ende der Großen Straße sollte die Wehrmacht aufmarschieren. Bis 1939 wurden elf Tribünentürme erreichtet. 1966 wurden sie wegen Wohnungsbauten gesprengt.

- Zeppelinfeld: Nach Entwürfen Speers entstand ein 300 mal 300 Meter großes Aufmarschgelände für 250.000 Appellteilnehmer und 70 000 Zuschauer, umschlossen von 34 turmartigen Bauten und hohen Wällen. Auf der Haupttribüne an der nördlichen Längsseite nahmen die NS-Führer die Paraden ab. Hier inszenierte Speer auch den nächtlichen "Licht-Dom" aus 150 Flugabwehr-Scheinwerfern. Heute ist das Gelände Schauplatz von Rockkonzerten und Motorsport-Rennen. (APA/AP)

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