Funkelndes Kleinod im Strom der Masse

2. November 2001, 23:38
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Comics, kleine und Kleinstverlage: Spezielle Funde auf der Buchmesse

Eine Nachlese von Cornelia Niedermeier

Wanderer, kommst du nach Frankfurt... verlässt du die Buchmesse zwar mitnichten ohne wässernde Fußblasen, pulsende Krampfadern und irreversible Wirbelsäulen-Entkopplungen. Mitunter aber mit den erfreulichen Bildern lohnender Entdeckungen im müden Hirn. Unter dem Kürzel F 104 in Halle 3.0 etwa verbarg sich heuer das Comic-Zentrum. Nach dem verblüffenden Erfolg im letzten Jahr waren die Freunde des sprechenden Bildes zum zweiten Mal nach Frankfurt am Main gereist, um mit Podiums-Diskussionen, Vorträgen und Diskussionen aus einer Welt zu berichten, die weitgehend jenseits des herkömmlichen Buchmarktes, in verschworenen Experten-Zirkeln und Spezial-Läden ihr Dasein fristen.

Foto: reproduktcomics.de
Beispielsweise der Lichtstern der Independent-Comic-Branche, das Berliner Label Reprodukt. Reprodukt versammelt die Elite der deutschen Kunst-Comic-Zeichner. In den aufwändig produzierten Heften und Büchern finden sich gezeichnete Schätze beispielsweise von Anke Feuchtenberger, Atak, Martin tom Dieck und Christian Huth (allesamt Namen, die man sich merken sollte und über die hier in wenigen Wochen genauer zu berichten sein wird). Leider bewegen sich die Auflagen in Minimalgrößen, so dass man in Berlin derzeit über neue Wege der Finanzierung der Zeichenkunst-Editionen nachdenkt. (www.reproduktcomics.de)

Zusammengeschlossen zwecks besserer Öffentlichkeitsarbeit haben sich unterdessen 16 Kleinst-Verlage der Independent-Comic-Szene. Der Freibeuter, eine gemeinsame Publikation mit Leseproben, zeigt Comics unterschiedlichster Richtung, neben Kunst- Trash- und Superhelden-Comics oder Mangas. Das ansprucksvolle Münchner Label Laska-Comics oder der Berliner der(eigen)verlag sind ebenso vertreten wie die Hardcore-Ware von Eisenfresser Comix, den Herausgebern des Magazins Menschenblut oder Weissblech-Comics aus einem Ort mit dem hübschen Namen Kükelühn. (www.freibeuter-comics.de)

Finden sich die bisher genannten Print-Produkte nur in ausgewählten Spezialgeschäften, sind die Gewinner des von Dino-Entertainment ausgeschriebenen Online-Comic-Preises Avatar unter www.310K.com für jeden am Netz einsehbar. Dem Wunsch der Preisgründer, die Möglichkeiten der Bild-Text-Kombination speziell für das neue Medium auszuloten, zeitigte erstaunlich hochqualitative Resultate. Etwa der dritte Preis, eine dreiviertelstündige (!) Erzählung in acht Kapiteln mit eigens komponiertem Sound-Track der Kölner Gruppe Teartalestrust.de (Björn Hammel, Story/Harald Lieske, Zeichnung/ Michael Hoffmann, Inszenierung/ Leif Rumbke, Musik) ist der Entdeckung dringend wert.

Gemeinsam ist den Comic-Maniacs mit den folgenden, ebenfalls zur schriftlichen Notierung zwecks unbedingtem Einprägen nachdrücklich empfohlenen Kleinst-Verlagen vor allem zweierlei: die unerschütterliche Selbstausbeutung und der Enthusiasmus.

Seit vier Jahren existieren nach diesem Prinzip zwei Kölner Editionen: das an dieser Stelle bereits einmal erwähnte, aber immer wieder mit der Kuriosität seiner Einfälle verblüffende Hör-Label supposé, bestehend aus Klaus Sander und Thomas Knoefel, das sich der Audiophilosophie verschrieben hat und ausschließlich rarste Original-Aufnahmen geistiger Kappazunder wie Hubert Fichte, Villèm Flusser, Paul Feyerabend, Peter Sloterdijk zu CD bringt.

Neuester Einfall: von Oswald Wiener registrierte Klangerlebnisse der besonderen Art - Schlittenhund-Musik. Erkenntnisstiftender Hörgenuss, denn, so Wiener, "die eigentümliche Genießbarkeit dieser Musik, die sich in Wiederholungen bewährt, zwingt zu dem Schluss, dass auch für die Hunde ein abstrakteres ästhetisches Erlebnis im Vordergrund steht". Reinhören und selbst überzeugen! (www.suppose.de)

Zuletzt ein Hinweis auf die Kölner Tropen (www.tropen-verlag.de): dort verlegt das Duo Christian Ruzicska und Michael Zöllner (und übersetzt meisterlich selbst!) Neuentdecktes und Nieveröffentlichtes von Mark Twain, Marcel Duchamp oder Lewis Carroll (Das Spiel der Logik) neben kunsttheoretischen Pretiosen, etwa Michel Butors Dialog mit Delacroix, und allerneuster junger Literatur, wie Jonathan Lethems Motherless Brooklyn, Christine Angots Inzest oder Evrim Sen/Denis Moschittos Hackertales.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 11. 2001)

  • Artikelbild
    foto: reproduktcomics.de
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