Abu Zaid: Koran und Wissenschaft

2. November 2001, 22:39
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Eigentlich ist es eine Karriere wider Willen, die der 1943 in Ägypten geborene Nasr Hamid Abu Zaid Anfang der 70er-Jahre in der Arabischen Abteilung der Universität Kairo begann: Der Student wurde in die Richtung Islamische Studien gedrängt, weil Interessenten fehlten. Abu Zaid hatte gute Gründe für seine Skepsis: 25 Jahre zuvor war eine Dissertation "Die Erzählkunst im Koran" als ketzerisch abgelehnt worden, dem heiligen Buch dürfe man sich nicht auf eine so profane Art nähern. Der Student und der betreuende Professor waren für den Rest ihrer Berufsleben erledigt.

Abu Zaid befasste sich in seiner Diplomarbeit mit der Metapher im Koran, in der Doktorarbeit mit der Hermeneutik, die Probleme begannen, als er 1992 um eine Professur ansuchte. Sie wurde abgelehnt, aber nicht nur das, zwei Wochen später rief einer der Begutachter, Abdelsabur Shahin, ein Islamgelehrter, Abu Zaid von der Kanzel einer Moschee als Apostat (von der Religion Abgefallener) aus: Sein Buch "Mafhum an-Nass" (die Bedeutung des Texts) wurde für ketzerisch erklärt, weil es sich mit dem historischen Kontext des Korantextes befasste. Shahin war übrigens theologischer Berater von "Islamischen Investitionsgesellschaften", die in den 80ern Tausenden Ägyptern ihre Ersparnisse abgenommen hatten und mit deren "islamischer Sprache" sich Abu Zaid auseinander setzte.

Zwangsscheidung

Gegen den Ketzer Abu Zaid ging dann ein Rechtsanwalt vor: Er klagte auf Scheidung von dessen Ehe, denn eine Muslimin - Abu Zaids Frau Ibtihal Yunis, Romanistin an der Universität - dürfe nicht mit einem Ketzer verheiratet sein, das sei gegen das islamische Gemeinwohl. Zuerst glaubten die säkularen Ägypter an einen Scherz, der bald bitterernst wurde: Die Ehe der Abu Zaids wurde geschieden, Nasr Abu Zaid war sozusagen von Staats wegen als Ketzer bestätigt (darum geht es den klagenden Islamisten bei diesen Fällen). Da nach islamistischer Auffassung ein Apostat vogelfrei ist und in den Moscheen weiter gegen Abu Zaid gehetzt wurde, flohen Ibtihal und Nasr ins Ausland, heute leben sie in den Niederlanden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 11. 2001)

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