Wohliges Anlehnen an Frauenrücken

2. November 2001, 22:27
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Rückblick auf die Christie's- Spezialauktion Carlo Mollino (1905-1973)

Er war einer der besten Skiläufer Italiens und veröffentlichte 1951 ein bahnbrechendes Buch zur Fahrtechnik. Als international anerkannter Rennfahrer gewann er in den 50er Jahren zahlreiche Bewerbe, auch mehrfach das Rennen von Le Mans und konstruierte der Einfachheit halber gleich den eigenen Rennwagen ("Bisiluro"). Die Rede ist von Carlo Mollino (1905-1973), der sich als Kunstflieger und Flugzeugkonstrukteur, begnadeter Kunst- und Aktfotograf, Entwerfer von Damenmode, Erfinder, Bühnenbildner, Essayist, Filmausstatter und schließlich als einer der ungewöhnlichsten Architekten und Möbeldesigner Italiens verdient machte.

Den Geist dieses nonkonformistischen Universalgenies erweckte Christie's jüngst wieder zu Leben. Der 23. Oktober war in London zum Italian-Day avanciert: in der Spezialauktion Carlo Mollino sowie der Sektion bildender Kunst setzte man insgesamt knapp 4,74 Millionen Pfund um. Auch wenn der Mollino-Sale nicht ganz erwartungsgemäß verlief, hatte Experte Simon Andrews im letzten Pioniergeist bewiesen. Mit den rationalistischen Design seiner Mailänder Kollegen hatte der 1905 in Turin geborene Mollino nichts gemein.

Bei ihm "schwellen und züngeln, wuchern und wabern", so der Vermerk im Dumont Design Lexikon Italien, organische Formen, die in exaltierten Varianten zu dreibeinigen, seltsam geschwungenen Stühlen genauso mutierten wie zu hemmungslosen Nachbildungen weiblicher Anatomien. Frauenrücken finden sich immer wieder als Rückenlehnen seiner Stuhlentwürfe - Sotheby's wird am 7. November einen dieser organischen Wunderwerke aus afrikanischem Walnussholz (12.000-18.000 Pfund) versteigern. Wenn es in der Geschichte modernen Designs rückblickend eine eigene Kategorie erotisches Design gab, dann war Mollino sicher der Protagonist - der auch schon mal Tischbeine in Stöckelschuhe steckte.

Obwohl ein von Christie's gebotenes Konvolut die Bandbreite von Möbelentwürfen dokumentierte, blieben die Fotos, Entwurfsskizzen und technischen Detailzeichnungen unverkauft.

Das Gros seiner Möbel entstand in Zusammenhang mit baulichen Projekten, wie etwa in den 40er Jahren "Casa Orenga" oder "Casa Minola". Für letzteres entwarf er 1944 einen gepolsterten Lounge Chair - jetzt für umgerechnet 460.000 Schilling versteigert - oder das Unikat eines Minola-Garderobehaken, für den ein Sammler unglaublichen 184.000 Schilling hinterlegte. Den höchsten Zuschlag erteilte Christie's für einen Couchtisch, der etwa 1950 in Anlehnung an eine Variante aus dem Projekt Minola. Mollinos Reinterpretation - die Konstruktion der Holzbeine erinnert an eine aufsteigende Concorde, verfeinert mit Metallstilettos - für ein Turiner Geschäft in den 50ern schlug sich mit etwas mehr als einer Million Schilling zu Buche.

Die enge Verbindung zu seiner Geburtsstätte, an der Mollino all die Jahre arbeitete, sein spezifischer Stil, den die amerikanische Zeitschrift Interieurs in den 40er Jahren wohlwollend als "Turinese Baroque" bezeichnete, wusste die Region jene Werbewirksamkeit nie zu schätzen. Die Stadt Turin ließ sogar sein wohl wichtigstes Gebäude, den 1937 gebauten Reitclub Ippica, abreißen. Als Konvolut wechselten die designhistorisch wichtige Dokumentation von fast 50 detaillierten Innen- und Außenaufnahmen bei Christie's für fast 192.000 Schilling jetzt den Besitzer.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 11. 2001)

 Von
 Olga
 Kronsteiner



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    Carlo Mollino beim Grübeln über Design-Prinzipien

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