Verbale Pyrotechnik

2. November 2001, 18:55

Es ist gerade einmal zwei Jahre her, als Péter Esterházy in einem Interview davon sprach, dass es in der ungarischen Literatur generell ein sehr starkes "Wir"-Gefühl gäbe und die Gesellschaft in der Regel eine größere Rolle spiele: "Was zur Folge hat", erklärte er weiter, "dass die ungarische Literatur schwerlich zum ,Ich' gelangt." Zu diesem "Ich" hat der ungarische Schriftsteller bis heute nicht wirklich gefunden. Auch nicht in seinem neuen monumentalen Roman Harmonia Caelestis, an dem der Spross eines uralten europäischen Adelsgeschlechts rund zehn Jahre lang geschrieben hat. Péter Esterházy bleibt beim "Wir" - und sucht die Gesellschaft seiner Familie.

Harmonia Caelestis, in Ungarn mit dem höchsten Literaturpreis ausgezeichnet und seit Monaten an der Spitze des Verkaufscharts, ist ein zweigeteiltes Werk: Im ersten Buch - "Numerierte Sätze aus dem Leben der Familie Esterházy" - taumeln die Personen in 371 verschieden langen Sätzen, Absätzen und Kurzgeschichten quer durch die Geschichte, quer durch die Jahrhunderte. Nur im zweiten Buch - "Bekenntnisse einer Familie Esterházy" - erzählt der Autor beinahe chronologisch und narrativ stringent. Barockisierend die Sprache, avantgardistisch die Form: eine Kombination, die, man liest es mit Staunen, tatsächlich harmoniert. "Die Sprache vom Fleck bewegen heißt soviel wie eine Revolution vom Zaun brechen" - dieses Verdikt von Esterházy ist zugleich Programm. Und vielleicht auch die letzte Form von Widerstand, die dem Abkömmling einer einst mächtigen Dynastie bleibt, deren Namen man noch heute im Gebiet des alten Habsburger Reiches auf Schritt und Tritt begegnet, in Wien und im Burgenland ebenso wie in der ungarischen Provinz.

Es ist die Figur des "Vater", der Esterházy die größte Rolle in seinem Buch zugedacht hat: Wie Ahasver, der ruhelos umherirrende Ewige Jude, bewegt sich diese Figur durch die Zeiten, spielt einmal die Rolle des Großvaters, dann die des Urgroßvaters, die der Mutter, Großmutter, Urgroßmutter, lässt sich hinrichten, pfeift auf jede Chronologie: "Mein Vater ist Geschichtslehrer, in den Osterferien liest er aus den Karten" heißt es einmal, dann wieder: "Mein Vater hatte, wie - angeblich - jeder Türke, zwei Ehefrauen, eine für den Winter..." Weiters: "Ein schwarzer Ritter, mein Vater, steht in einer Rüstung aus schwarzem Stahl". Oder: "Mein Vater erlaubte nicht, dass man ihn klonte..." In den nummerierten Sätzen des ersten Buches ist der Vater also unser aller Vater - mal ein Adliger, mal ein Räuber, mal ein Bischof oder der Ödypus aus Csákvár... - immer aber Erst im zweiten Teil, der den Abstieg des Geschlechts der Esterházy zum Thema hat, erlaubt der Autor dem Leser, sich auch dem realen Vater zu nähern - und gibt gleichzeitig den Blick frei bis zu seinen Vorfahren im 17. Jahrhundert, streift die türkische Besetzung, die französische Revolution, Maria Theresia und natürlich Haydn.

Ein solch umfassender Blick zurück kann eines natürlich nicht vermeiden: Tragische Ereignisse, Unglück und Schmerz rücken in großer Zahl ins Gesichtsfeld. Doch Nostalgie, Trauer und ähnliche Gefühle sind nicht gestattet. Esterházy hat, um als adeliger Autor Haltung zu bewahren, dafür ein probates Mittel zur Verfügung: verbale Pyrotechnik. Er brennt ein Feuerwerk an Metaphern und Bildern ab, die zwar mit Geschichtsbewusstsein vollgesogen sind, jedoch stets augenzwinkernd und ironisch gebrochen werden.

Je ferner die Ereignisse, desto verschmitzter blickt er zurück. Das beginnt schon beim Titel: Das barocke Buch, das er zitiert, gab es wirklich. Die "Harmonia Caelestis" erschien 1711 und war das musikalische Hauptwerk des Fürsten Paul Esterházy. Es bestand aus 55 ein- und mehrstimmigen Gesängen. Aber dieser Paul Esterházy verarbeitete jede Menge fremder Melodien darin - genau wie Péter Esterházy nun auch in seinem Werk Texte anderer Autoren verwendet: Das Wort "Büffelklaviervirtuose" ließ er sich zum Beispiel von Oskar Pastior "schenken", aus Danilo Kis Enzyklopädie der Toten übernahm er gleich eine ganze Novelle - natürlich die, die von der Hinrichtung eines rebellischen Esterházy erzählt. Der omnipräsente "Vater" wies allerdings auch einem anderen den rechten Weg: "Obwohl, sagte er noch freundlich zum Jüngling, das ist lediglich 'Dichtung und Wahrheit', dass nämlich er nun wirklich wisse, was der Unterschied zwischen der 'Dichtung' und der 'Wahrheit' sei. Das wiederum notierte sich der Jüngling. Wie heißt du? Fragte noch mein Vater aufmerksam. Der Junge sagte seinen Namen. Gut, ich werde es mir merken, warf ihm mein Vater im Weggehen hin und vergaß den Namen in demselben Augenblick." Ein reale Begegnung zwischen Goethe und einem Esterházy ist natürlich nicht verbürgt.

So wird aus jeder Familienanekdote ein Stück Geschichte. Und aus den vielen Mosaiksteinchen, aus denen in Harmonia Caelestis das Bild der Familie Esterházy zusammengesetzt wird, schält sich allmählich auch ein Bild der europäischen Geschichte in den letzten Jahrhunderten: "Die Vergangenheit ist nicht etwa deswegen unsere, weil sie glorreich ist", heißt es an einer Stelle des Buches. "Da sie uns aber nun einmal gehört, sind wir reich, und diese Art von Reichtum erhöht das Maß unserer Freiheit." Diesen Reichtum führt uns Péter Esterházy in all seiner Fülle auf beinahe tausend Seiten vor. Natürlich ist es Dichtung, eine Dichtung aber, die historische Wahrheiten aufschimmern lässt. Dass es dazu die Geschichte der Familie Esterházy brauchte, ist ein Zufall der Geschichte, über den der Autor wohl bis heute lacht. []

Péter Esterházy, Harmonia Caelestis. Aus dem Ungarischen von Terézia Mora. öS 492,-/EURO 35,75/923 Seiten. Berlin Verlag, Berlin 2001.

Péter Esterházy verknüpft die Chronik einer Familie mit der Geschichte Europas Von Günther Fischer
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