Die Ordnung der Murmeln

2. November 2001, 18:55

Es ist ja ganz erfreulich, wenn man sich in Zeiten der anödenden Spassgesellschaft in ein hochspezifisches Dickicht der Wissenschaftsgeschichte, zum Beispiel das der Taxonomie verstricken kann. Als Gegenprogramm zum Dauergelaber taugen widerständige Texte allemal, aber was Byatt mit ihrem neuen Roman aufführt ist des Guten doch zu viel.

Ihr Anti-Held, der Student Phineas Nanson, stellt fest, dass ihn das poststrukturalistische Literaturtheorie-Seminar samt Lacan et al. nervt und dass er in einer radikalen Änderung seines Lebens zur ganz normalen Wirklichkeit zurückfinden möchte. Ein Professor setzt ihn auf einen exzentrischen britischen Biografen namens Scholes Destry-Scholes an, welcher angeblich sein Ende im mythischen Malstrom gefunden hat. Dieser Scholes hat einst eine Biografie über einen viktorianischen Gelehrten und Weltreisenden, Sir Elmer Bole, geschrieben. Phineas bekommt bald das Gefühl, dass der Biograf eigentlich interessanter ist als der von ihm Porträtierte, dass sich also eine Biografie des Biografen lohnen würde.

Nun findet Phineas im Zuge langwierigster Nachforschungen, die vom Hundertsten ins Tausendste führen, drei Fragmente von Scholes, die sich mit Carl von Linne, Francis Galton und Henrik Ibsen beschäftigen. Irgendwie scheinen diese Gelehrten mit der Ordnung der Dinge beschäftigt gewesen zu sein und auch Scholes selbst erweist sich als bizarrer Ordner eines Systems verschiedener Glaskugeln. Was haben die drei Gelehrten nun mit Scholes oder mit Phineas zu tun?

Phineas, der kleinwüchsige Junggeselle, verliebt sich in der Folge in zwei Frauen von denen die eine Bestäubungsspezialistin ist und ihn zum Hirschkäferbeobachter trainiert, mit der anderen, der letzten übriggebliebenen Verwandten von Destry-Scholes besucht er den Malstrom. Indem er seine irrealen und realen Reisen aufschreibt entsteht aus der Biografie über den Biografen eine Autobiografie und somit eine Annäherung an seine ureigenste Wirklichkeit. Anspielungen von Foucault bis Poe, Zitate, getürkte und echte, Reisebeschreibungen, Sammlungen unheimlicher Fotografien, Zettelkästen, Käfer, Tulpen, vereinigen sich zu einer barocken Kunst- und Wunderkammer, in der man zunehmend die Richtung verliert. Enorme Gelehrsamkeit wird allmählich zum Selbstzweck, auch wenn sich im dem Gewusel da und dort ganz bezaubernde Einfälle finden.

Die sehr kleine Schrift wirkt zusätzlich ermüdend. Was war noch schnell das Geheimnis des Biografen? Keine Ahnung. Muss unterwegs im Labyrinth verloren gegangen sein. []

Antonia S. Byatt, Das Geheimnis des Biografen. Aus dem Englischen von Melanie Walz. öS 291,-/EURO 21,15/ 277 Seiten. Insel, Frankfurt/Main, 2001.

Antonia Byatt führt vor, wie eine Biografie über einen Biografen zur Autobiografie wird Von Ingeborg Sperl
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