tandaradei!

2. November 2001, 18:55

Mike und Jane" heißen sie, die beiden liebend Liegenden, und eigentlich gähnten wir schon angesichts des Pärchensyndroms, das gar so verbunden vom Cover winkt, steckte da nicht Birgit Kempker dahinter mit ihrem flamboyanten Zugang zu "Paar und Sprache". Will sagen: Für Spannung ist gesorgt. Kempker geht der Sprache an die Wäsche und dem Paar an die Grammatik. Was da spricht und sprießt in der Natur des Menschen, ist ein (bis 99) Kapitel für sich.

Jane, die säkularisierte Eva mit der Widersprüchlichkeit von Zustimmung und Verneinung in den zwei Silben, liebt Mike, der auch Luke heißen könnte, sich dann aber nicht auf "Sloterdijk" reimen würde. "Mike" und "Jane", zwei four letter words wie "Frau" und "Mann", bleiben nicht auf ihren vier Buchstaben sitzen, sondern stürzen sich wagemutig und aberwitzig ins Getümmel zwischen "herz und spass".Wir erinnern uns: Da wird genörgelt und getrickst, da wird das Früher vorgehalten und das Morgen eingeplant, da wechseln sich Vorwürfe mit Verführung ab und koketter Zweifel mit handfestem Frust. Doch haben da die Körper ihr Wörtchen mitzureden, und in Phase II von Birgit Kempkers Verwicklungen - nach den verbotenen Liebschaften aus dem Jahr 1997 - kommen die Schätzchen zur Sache. Sie beschäftigen sich ausführlich miteinander, treiben's bildschirmbunt, lassen die Bubble Gums, die Versuchsballons und die Sprechblasen platzen und erschrecken damit doch nur sich selbst in ihrem immer wieder von neuem akkurat hergerichteten Liebesnest.

Einmal sind Mike und Jane Romeo und Julia, dann wieder Itchy und Scratchy - zur Lust gesellt sich die Gewalt, und manchmal liegen diese nah beisammen. Wenn Jane ihren Mike "ins Nirwana bläst", ist nicht klar, ob sie ihm den kleinen Tod verpasst oder das ganze in groß. Die beiden sind manchmal auch Moritz und Max, womit Wilhelm Busch zur Sprache kommt, der das Motto dieses Bandes liefert und ein Büschel von Assoziationen zum vorhergehenden Werk Kempkers, das 2000 indiziert worden ist und dem der neue Band von außen zum Verwechseln ähnlich ist, ein provokanter Wiedergänger.

Im zwischenmenschlichen Trainingslager entwirft Kempker immer dasselbe Setting mit immer derselben stehenden Einleitungswendung wie im Witz ("Treffen sich zwei..., sagt der eine:..."). "Mike liegt unter dem Baum. Jane liebt Mike. Sie liegt daneben", heißt das in diesem Fall, in der Beziehungsfalle? Voll daneben ist die halbe Liebe. Die Übungseinheiten mit der fixen Ausgangssituation gipfeln oft in eine Pointe, manchmal Spiel für Jane, manchmal Satz für Mike. Gelegentlich "Love".

Wie pointiert der Text als Gesamtkonzept ist, zeigt die schöne Bibliothekarsneckerei, Nummer Neunundneunzig ausschließlich auf dem Schutzumschlag stattfinden zu lassen. Der Sprachlosigkeit der omnipräsenten und doch reprivatisierten Sexualität, dem Problem des Benennens im Dilemma zwischen Klinik und Zote ("Wie heisst es, fragt Mike. Heisst nicht, sagt Jane.") setzen die beiden mit Erfindungsgeist, Schlagfertigkeit und Gewaltbereitschaft eins drauf. Dem gerade auch sprachlichen Lustverlust begegnet Kempker mit einer ungemein raffinierten Mischung aus Souveränität und Unbefangenheit. Sie langt in die Tasten und erzeugt ein furioses Geklimper - da flitzen Häschenwitz und Blasphemie durchs Bild, da kommen Blödsinn und Gefühl dem Text in die Quere, da fallen Mann und Frau übereinander her und aufeinander herein.

Die Verballhornung der Sprache der Liebe lässt die Liebe zur Sprache auf jeder Seite durchbalzen in diesem ernstzunehmenden Text über das Zusammenleben der Geschlechter, in dem in jeder Einheit hinter all den Wirbeln, Hickhacks und Vereinigungen die Sprache höchstpersönlich auf der Lauer und dem Kalauer liegt. Die Missverständnisse zwischen den Ständern, von einem Akt zum nächsten, legt Birgit Kempker in stets spielerisch wirkender, doch gründlich gestriegelter Bearbeitung von Beobachtung und Erkenntnis auf den Tisch. Auch dass die Geschlechterdifferenz sich durch alle Lebensphasen zieht, kommt in der Anzahl der Einheiten ironisch zur Sprache, ist doch "von 1-99" die abgedroschene Wendung von wegen "für alle Altersstufen". Also dranbleiben: "...und wenn sie nicht gestorben sind, denkt sie noch heute darüber nach, wie umschlungen die Grenzen der Doofheit mit den Grenzen der Schlauheit sind, überhaupt Grenzen, denkt Jane, sind die Grenzen vom Verstehen." []

Birgit Kempker, Mike und Jane. öS 200,-/EURO 14,55/
112 Seiten. Droschl, Graz/Wien 2001.

Hinweis: Birgit Kempker liest am 5. November um 19.30 im Wiener Literaturhaus (Zieglergasse 26A) aus dem besprochenen Band.

Was Birgit Kempker unter dem Baum alles so in Szene setzt Von Petra Nachbaur
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