US-Angriffe: Ansprüche ohne Fairness - von Christoph Winder

2. November 2001, 19:07
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Viele Kritiker messen die USA an Erwartungen, die niemand erfüllen kann

Seit einigen Wochen bombardieren die Amerikaner Afghanistan, seit einigen Tagen ist es en vogue, auf den medialen Radarschirmen eine "Krise" der US-Kriegsführung zu orten. Die Taliban noch immer am Ruder, der Gegner sträflich unterschätzt, wachsender Zorn in den muslimischen Ländern, Bin Laden immer noch frei, mäkelt es aus Leitartikeln und Analysen: Krise also, so weit das Auge reicht.

Der streckenweise konfuse Kommunikationsstil der US-Führungsriege hat sicher dazu beigetragen, den Eindruck einer Krise zu erwecken. Noch mehr aber verrät die sich mehrende Kritik an den US-Attacken auf Afghanistan einen unfairen idealistischen Anspruch, der mit untergründiger Häme gegen die Amerikaner gerichtet wird. Dass nach den Anschlägen vom 11. September eine militärische Aktion rechtens war, wird von einem Teil der Öffentlichkeit mit mürrischer Großzügigkeit noch eingeräumt, freilich nicht ohne beigesellten Forderungskatalog: Mit einem Gegner, gleichgültig, wie hinterhältig auch immer der agiert, muss man in kürzester Zeit fertig werden, selbstverständlich unter genauester Bedachtnahme auf religiöse Sensibilitäten und jahreszeitliche Gegebenheiten.

Dieser Anspruch wird nur noch übertroffen von den Weltgerechtigkeitsträumen mancher Kriegsgegner (idealtypisch im letzten ALBUM von Saskia Sassen und von Arundhati Roy im letzten Spiegel formuliert), die die USA als ein Reich des Blöden (Sassen) oder des Bösen (Roy) porträtieren, dem es gegeben wäre, die Erde im Handumdrehen in ein Paradies zu verwandeln, wenn die Amis eben nur nicht so abgründig dumm oder gemein wären. Man weiß nicht, was an dieser Art, dem Opfer noch moralische Lehren auf den Weg mitzugeben, widerlicher ist: ihre Herzlosigkeit oder ihre Präpotenz.

Selbst wenn sich die Umwandlung der USA in eine Funktionseinheit aus globaler Suppenküche, Arbeitsamt und mildtätigem Kreditgeber bewerkstelligen ließe, müsste man ihnen vielleicht doch fairerweise zubilligen, dass die Herstellung einer gerechten Weltordnung auch für eine so genannte Supermacht schlicht nicht zu leisten wäre.

Was ist denn schon das in Grund und Boden gefahrene World Trade Center, das die Ressourcen der Nation bis aufs Äußerste strapaziert, gegen das postkommunistische Chaos in Russland, die zu erwartende Implosion Nordkoreas, die oft selbst - und nicht nur durch kolonialistische Vergangenheit und Weltbankdiktat! - verschuldete politische Unmündigkeit vieler Länder der Dritten Welt, um nur einige Krebsübel zu nennen. Das ursprüngliche Ziel der Regierung Bush, sich aus Aktionen zur Befriedung fremder Krisenherde zurückzuziehen, ist nicht nur nationale Eigensucht, sondern auch Zeichen faktischer Überforderung.

Fair wäre es auch, wenn man von den Bemühungen der USA, die gefährliche Welt nach dem Fall des Kommunismus sicherer zu machen, ein wenig mehr Notiz nähme. Der US-Steuerzahler lässt es sich seit Jahren erhebliche Summen kosten, spaltbares Material in den Nachfolgeländern der UdSSR aus dem Verkehr zu ziehen oder Wissenschafter mit Know-how in Massenvernichtungswaffen in zivile Berufe zu integrieren.

Wenn man der US-Außenpolitik zugestehen würde, dass sie nichts Übermenschliches leisten kann, dann wäre es auch viel leichter, sich mit ihren kritikwürdigen Aspekten auseinander zu setzen: ihrem, um es auf gut Neudeutsch zu sagen, Mangel an Sustainability, an Nachhaltigkeit, der auf die Kurzlebigkeit demokratischer Wahlzyklen zurückgeht, oder ihrer Neigung, dubiose Söldner mit dem Zeug zum Zauberlehrling einzuspannen. Aber vielleicht darf man sogar davon ausgehen, dass nach dem 11. September in Washington Denkprozesse in Gang gekommen sind, die auf die Beseitigung solcher Fehler abzielen - auch wenn manche Kritiker eher an die Quadratur des Kreises oder das Perpetuum mobile glauben würden als an die Verbesserungsfähigkeit der amerikanischen Politik. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4.11.2001)

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