Die Regel bestätigt die Ausnahme

2. November 2001, 21:21
1 Posting

Das Österreichische Wörterbuch ist 50

Wien - In einem Kommentar dieser Zeitung wurde vor kurzem Aktienkäufern empfohlen, "nicht veröffentlichte Informationen zu verwenden". Beim Versuch, diese Empfehlung umzusetzen, mag es zu einiger Verwirrung gekommen sein. Genügte es, veröffentlichte Informationen nicht zu verwenden? Oder sollte man danach streben, sich unveröffentlichter Informationen zu bedienen?

Anleger, die in ihrem Zweifel nach dem Österreichischen Wörterbuch griffen, kamen auch nicht weiter: Paragraph 36 E2 der "Amtlichen Regelung der deutschen Rechtschreibung" stellt in Fällen, in denen keine klare Entscheidung für Getrennt- oder Zusammenschreibung zu treffen ist, dem Schreibenden die Vorgangsweise frei: "zum Beispiel nicht öffentlich/nichtöffentlich".


Was Goethe gefügt

Die Mütter und Väter der neuen Rechtschreibung haben mit der Forcierung der Getrenntschreibung wohl eine noch breitere Verunsicherung ausgelöst als mit ihrem vorsichtigen Herumdoktern an der S-Schreibung.

Was Goethe zusammengefügt hat, wird von gutwilligen Adepten des Regelwerks seither nicht selten grausam getrennt. Die vielen, vielen Beispiele der Getrennt- oder Zusammenschreibung sind eine der Ursachen dafür, dass sich das Österreichische Wörterbuch in seiner neuesten, 39. Auflage der 1000-Seiten-Marke haarscharf genähert hat.

Das Schmökern in dem erstmals auf Umweltpapier gedruckten Nachschlagwerk eröffnet von skateboarden über zappen bis Zumpferl bunte Perspektiven nicht nur des Zeitgeistes und der Orthographie, sondern immer mehr auch des genuin österreichischen Wortschatzes. Das Österreichische Wörterbuch ist 50 und damit offenbar in seinen besten Jahren. Kein unbeträchtlicher Teil der 17.000 neuen Stichworte sind lexikalische (Zniachterl) oder phraseologische Spezialitäten.


Skylla und Charybdis

Manchmal wird Klartext geredet: Papier verarbeitende Industrie. Verwirrender-, aber letztlich nicht unsympathischerweise startet und landet man aber häufig, wie bereits angemerkt, zwischen Skylla und Charybdis (auch: Szylla und Charybdis), indem alles offen bleibt: nicht amtlich/nichtamtlich.

Was den Eindruck unterstützt, dass das korrekte Schreiben wahlloser geworden ist. Sollte man alle Informationen, die dieses Wörterbuch den Nachschlagenden offeriert, in einer Maxime zusammenfassen, so könnte sie deshalb am ehesten lauten: Die Ausnahme bestätigt die Regel. Oder auch umgekehrt.


Grisli oder Grizzley

Wie eine einzige groß angelegte Illustration dieses Satzes erscheint das 740 Seiten lange Wörterverzeichnis mitsamt den 250-seitigen grammatikalischen und sprachgeschichtlichen Erörterungen und Dokumentationen. Wo man von Grisli zu Grizzley und zurück verwiesen wird, hat sich ja allein der Bestand der Fremdworte schlagartig fast schon verdoppelt.

Mit anderen Worten: Ein unverzichtbarer Führer in das konstruktive Chaos. Wobei dankenswerterweise die Redaktion weiterhin für "alle Anregungen und Vorschläge zum Österreichischen Wörterbuch" dankbar bleibt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 11. 2001)

 Von
  Michael Cerha


Neue Adresse:
öbv et hpt, Redaktion Österreichisches Wörterbuch,
Frankgasse 4,
A-1090 Wien;

E-Mail:
oewb@e-lisa.at.
Share if you care.