Der tanzend geschärfte Blick

2. November 2001, 21:09
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Vincent Dunoyer im Tanzquartier beim Festival Wien Modern

Wien - Seit einem Monat ist das Tanzquartier Wien in Betrieb. Zurzeit ist es auch Schauplatz eines hinter verschlossenen Türen abgehaltenen Treffens europäischer Tanzkünstler wie Theoretiker. Auf der Bühne wurde man mit zwar eingeschränkten, aber doch dominanten Aspekten des zeitgenössischen Tanzes konfrontiert. Nach wie vor wird der Körper, der verletzbare Organismus einer sich im Wandel befindenden Gesellschaft, unter die Lupe genommen (John Jasperse, Vincent Dunoyer) oder wird privat Anmutendes (Thomas Lehmen) in Szene gesetzt.

Mit spontanen Einfällen und Improvisation hat das, wie im Falle von Lehmen, nichts zu tun. Er ist ein klug agierender Tanzautor, dessen "Kabinett-Theater" überall auf die Bühne zu bringen ist. Mit Ernst und Eigensinn agierte auch Mart Kangro. Der estnische Tänzer und Choreograph bot die dicht gestaltete, auf persönliche Erfahrungen mit dem westeuropäischen Tanzgeschehen basierende Performance Start.

Aktuell zu sehen sind noch am Samstag Vincent Dunoyers in Kooperation mit dem Festival Wien Modern präsentierte Soloarbeiten. Zu den wellenden Rhythmen von Hubert Machnik hat Dunoyer The Princess Project kreiert. Die "Prinzessin", weil geplant als gegenwärtige Auseinandersetzung mit dem klassischen Pas de deux, ist ihm abhanden gekommen.

Er hat seine erfolgreiche Tänzerkarriere hinter sich gelassen, diese nicht verloren, sondern zum Thema seiner Produktionen gemacht. Immer noch einnehmend, beginnt Dunoyer mit elementaren Bodenbewegungen, schlicht, einfach. Das Manko ist offensichtlich. Es fehlt die Partnerin. Diese ersetzt er, ersetzt sie in der Form - nach seinem Bühnenabgang via Video ist ein Duett zu sehen. Dunoyer, gerade aufgenommen, tanzt mit sich selbst im virtuellen Dialog.

Dann Vanity, eingeleitet von Christoph Maurers Schlagwerkaktion, entsprechend der Komposition von James Tenney, der Jarek Frankowskis Tape-Delay System folgte. Dunoyer tanzt ein vielschichtiges Solo, geht ab. Die Essenz klärt sich in Großaufnahme am Videoscreen: Die minutiös gestalteten Übergänge, mit freiem Auge kaum wahrnehmbaren Passagen innerhalb eines ausgeführten Bewegungszyklus sind da zu erkennen. Rot-blau-gelb gefärbte, geschundene Füße, eingebundene Zehen, sehnige Beine, überanstrengte Muskel.

Eine Reminiszenz eines Tänzers, der mit der strapaziösen Berufsvergangenheit aufräumt, diese thematisiert. Wie auch in der Installation Etude # 31, wo die schnell wechselnden Fotos von Posen Dunoyers an den Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzenden, von Lebensreformern initiierten Körperkult erinnern.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 11. 2001)

 Von
  Ursula Kneiss


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