Zaubern und bezaubern: Eine Gratwanderung

5. November 2001, 00:23
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Argwohn und Nervosität um Harry Potter und dem "Stein der Weisen"

Es ist so weit: Am Sonntag feierte "Harry Potter und der Stein der Weisen" in London seine Weltpremiere. Der Verfilmung des Bestsellers von J. K. Rowling sehen Teile der Potter-Fangemeinde argwöhnisch entgegen. Dennoch erwarten die Produzenten titanische Erfolge.

Von Claus Philipp

Mögen die Welt derzeit auch andere Probleme erschüttern: Manche Leute fragen sich dieser Tage - "Welche Farbe hat, äh, der Rotz eines Trolls?" Oder: "Fliegt man auf einem Besen mit den Borsten vorn oder hinten?" Willkommen im Vorfeld der für beträchtliche Nervosität sorgenden Verfilmung von J. K. Rowlings Bestseller Harry Potter und der Stein der Weisen.

Die Frage mit den Besen beantwortet übrigens der britische Hexenmeister Kevin Carlyon mit einem heftigen "Borsten vorn!": Carlyon, der - kein Witz!- angeblich wegen eines Verbots der britischen Luftfahrtbehörde nicht abheben darf, findet deshalb die Trailer zum Potter-Film unglaubwürdig. Und weil gegenwärtig für Fans schlicht alles interessant ist, was mit dem jungen Zauberlehrling Harry und seinen Freunden Ron und Hermine im magischen Internat Hogwarts zusammenhängt, werden solche Absurditäten weltweit zitiert.

Foto: Warner
Harry Potter (Daniel Radcliffe) und Hermine Granger (Emma Watson) bei der Besen-Prüfung in der Hogwarts-Schule

"Borsten vorn" gehört aber noch zu den liebenswerteren Seiten einer medialen Kampagne, in der zuletzt die großen Zahlen fast schon den Film als Hauptereignis verdrängten. Gut 2,32 Milliarden Schilling (169 Millionen Euro) soll der Dreh des ersten Teils von Rowlings auf sieben Bände angelegten Potter-Serie gekostet haben. Auf 21,9 Millionen Schilling beläuft sich die Gage des heute elfjährigen Hauptdarstellers Daniel Radcliffe für den Dreh des zweiten Teils Harry Potter und die Kammer des Schreckens, der bereits begonnen hat. Oder: 220 Millionen Schilling (16 Mio. Euro) erhält J. K. Rowling für einen Werbevertrag mit Coca-Cola. Wütend heulte da so mancher Potterianer auf.

Am 4. November ist es so weit: Im Odeon Kinocenter am Londoner Leicester Square wird Harry Potter seine Weltpremiere feiern und kann, so wie es ausieht, auf keinen Fall mehr Verluste schreiben. Allein in Großbritannien wurden bereits eine halbe Million Tickets vorbestellt. Durch die Einspielergebnisse im Bereich der Spielwaren, die den Film begleiten, sind die Produktionskosten bereits abgedeckt.

Es stellt sich nur noch die Frage: Wird Harry Potter wirklich, wie viele Experten prophezeien, ein größerer Kinohit als Titanic? Kann er zumindest die Traumzahlen von George Lucas' Star Wars-Filmen erreichen? Und: Wie wird er im Vergleich mit dem direkten Konkurrenten, dem ersten Teil der geplanten Trilogie Der Herr der Ringe, liegen, der - ebenfalls verliehen von Warner Bros. - ab Mitte Dezember weltweit ebenfalls alle Rekorde schlagen soll?


Aufruhr im Netz

Wohl kaum zu Unrecht erwartet man bei Warner deshalb das profitabelste Jahresquartal in der Geschichte des US-Studios. Dennoch überwogen in den letzten Wochen und Monaten beim Konzern Verbiesterung und defensive Stimmung. In Sachen Potter hatte man offenbar nicht mit derart heftigen Reaktionen von Fans gerechnet: Diese stellen nämlich auf unzähligen Websites fast alles infrage. Ob Daniel Radcliffe der ideale Harry ist. Ob Regisseur Chris Columbus als Schöpfer von Kevin allein zu Haus den Mächten des Bösen zuzuordnen ist. Ob man die Narbe auf Harrys Stirn gut genug sieht. Ob Warner wirklich im Recht war, als es mehrere private Potter-Websites untersagte.

Viele der jungen Leser wollen nicht akzeptieren, dass Warner nur noch ein Potter-Logo, ein Design, aber dafür unzählige Werbeartikel aufoktroyiert, die, wenn man sie alle besitzen will, ungefähr eine halbe Million Schilling kosten. Und bis Weihnachten folgen noch unzählige Spiele zwischen Gameboy und Lego-Baukasten nach. Natürlich wecken diese Abwehrrufe im potenziellen Kundenkreis auch Skepsis: Brancheninsider erinnern an die PR-Kampagne für Tim Burtons Batman-Filme Anfang der 90er-Jahre, die relativ entäuschende Ergebnisse zeitigte.

Viele befürchten eine ähnliche Übersättigung des Marktes, auch, weil viele Kinder und Eltern die Potter-Bände ja schon mehrmals gelesen haben und eher den für 2002 angekündigten fünften Teil erwarten als eine Verfilmung von "Fakten", die sich der Leser schillernder ausgemalt hat. Anders als Star Wars erfindet sich das Kino hier ja kein neues Universum, sondern erzählt gewissermaßen nach. Und auch das betont man bei Warner immer wieder: Man wolle sich akribisch an Rowlings Vorlage halten.

Auch deshalb wird Harry Potter und der Stein der Weisen gut zweieinhalb Stunden dauern - was bei zunehmendem Umfand von Rowlings Büchern für den nächsten Teil epische Ausmaße erwarten lässt. Werden das die jüngeren Kinobesucher durchhalten? Auch so eine Frage, die die Produzenten nervös macht. In Harry Potter und die Kammer des Schreckens wird übrigens dann - als erster selbstreferenzieller Gag - Gilderoy Lockhart auftreten: jener Zauberlehrer, der einen Mangel an Integrität und Mut hinter großartigem Marketing verbirgt. Gespielt wird er übrigens von Kenneth Branagh, der seinerseits herrlich in das exzellente britische Ensemble passen dürfte, mit dem schon Teil 1 aufwartet: Richard Harris als Internatsleiter Dumbledore, Maggie Smith als spröde Frau Professor McGonagall, Robbie Coltrane als liebenswürdiger riesiger Waldhüter Hagrid, Alan Rickman als Professor Snape oder John Cleese in der Rolle des Hausgeists "Nearly Headless Nick"...

Dies zumindest hat Joanne K. Rowling nämlich durchgesetzt: keine Amerikaner vor den Kameras. Steven Spielberg, der eigentlich mit Haley Joel Osment (The Sixth Sense) drehen wollte, und zwar in einem komplett digitalisierten Zauberuniversum, gab deswegen w. o. Ob er dabei den richtigen Riecher hatte, wird sich weisen. Zumindest am Leicester Square in London dürfte am Sonntag jedenfalls die Hölle los sein. Im Kino fliegt Harry Potter übrigens mit den Borsten nach hinten. Wenn das nur gut geht!

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Ewiges Kind im Zeichen des Löwen - Harry Potter, Waise, Zauberlehrling, Liebling der Massen, jetzt Kinoheld und 'Kopf des Tages'.

WEB-TIPPS:
Für Skeptiker: www.potterwar.org.uk
Für Optimisten: www.harrypotter.com

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 11. 2001)

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