Zurück auf die Schulbank

2. November 2001, 19:23
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Wie ist der "wahre Islam", friedlich oder kriegerisch? Koranforscher Nasr Hamid Abu Zaid im STANDARD- Interview

STANDARD: Nach den Ereignissen des 11. September befragt, reagieren Muslime mit dem Hinweis auf den friedlichen Charakter des Islam und belegen das mit Zitaten aus dem Koran. Ist es eine theologisch und/oder wissenschaftlich "ehrliche" Lösung, die Koranverse, aus denen man auf einen weniger friedlichen Charakter des Islam schließen könnte - und auf die sich Osama Bin Laden bezieht -, einfach zu ignorieren?

Nasr Hamid Abu Zaid: Man muss natürlich auch dazusagen, dass Nichtmuslime dazu tendieren, Koran und Hadith (Überlieferung) ebenso selektiv zu zitieren und nur die aggressive Dimension zu betonen. Es stimmt, Osama Bin Laden zitiert Koran und Hadith, aber er ist weder als Gelehrter anerkannt, noch repräsentiert er irgendeine islamische Denkschule. Und ich brauche wohl nicht auf die bekannten Details über den Aufstieg von Bin Laden einzugehen.

Ich denke, dass sich die Mehrheit der Muslime in der ganzen Welt der Tatsache völlig bewusst ist, dass der Koran, das Wort Gottes, zwei Aspekte umfasst: seine Universalität als ewiges Wort Gottes und seine Geschichtlichkeit als arabischer Text. Das heißt, das Wort Gottes artikuliert sich in menschlicher Sprache.

Parallel zu diesen zwei Aspekten existieren zwei semantische Ebenen. Und die Frage ist eben, welche dieser semantischen Ebenen betont werden soll - die die den göttlichen und ewigen Aspekt übermittelt oder die, die den historischen und kulturellen Kontext des siebten Jahrhunderts enthält. Es gibt den einen und den anderen Trend, die Mehrheit der Muslime hält sich an den universellen Aspekt. Nur politische Islamisten und terroristische Gruppen manipulieren durch diese genannten Stellen die Bedeutung des Islam als Ganzes, ein Phänomen, das in der Geschichte aller Religionen vorkommt.

Die meisten der Verse, die Sie meinen, stehen in Sure 9, aus der immer nur der Vers 5 zitiert wird, um die gewalttätige Natur des Islam zu belegen ("Tötet die Heiden, wo ihr sie findet . . ."). Dabei beginnt diese Sure mit der Erklärung, dass es den Muslimen nicht einmal erlaubt war, zu kämpfen, um sich zu verteidigen. Die gesamte Sure verkündet, dass diese Einschränkungen aufgehoben sind und dass es den Muslimen erlaubt ist, sich zu verteidigen.

Ein anderes Beispiel, Vers 16 in Sure 48: ". . . ihr werdet gegen sie zu kämpfen haben, es sei denn, sie ,yuslimún'" (das Verb zu Islam, Anm.). Westliche Polemiker verstehen das so, dass die Muslime kämpfen sollen, bis ihre Gegner sich zum Islam bekehren. Aber Islam heißt "Sich Ergeben", und das ist die korrekte Bedeutung in diesem Kontext: Wir haben keinen einzigen historischen Beleg, dass Muslime jene getötet haben, die nicht zum Islam konvertiert sind. Aber leider beweisen gewisse Leute gerne, dass der Islam durch das Schwert verbreitet wird.

Es waren muslimische Mystiker (Sufis) und Händler, die den Islam nach China, Indonesien und Afrika gebracht haben, und selbst in eroberten Gebieten wie Ägypten wurde der Islam niemandem aufgezwungen. Die Djizya, die Steuer, die ausschließlich von Nichtmuslimen zu bezahlen war, war auch keine rein islamische Erfindung, vergleichbare Einrichtungen gab es überall. Der Islam gab ihr eine sehr humane Dimension, indem er Frauen, Kinder und Mönche von der Zahlungsverpflichtung ausnahm.

Zu behaupten, dass der Islam eine aggressive Religion sei, weil einige terroristische Gruppen behaupten, dass sie den Islam repräsentieren, ist, als ob man das Christentum für die Verbrechen der Kreuzfahrer an Muslimen, Juden und anderen Christen verantwortlich machen würde.

STANDARD: Aber normalerweise werden diese theologischen Probleme - Wie gehen wir mit dem historischen Aspekt des Koran um - nie thematisiert. Warum tritt kein Muslim vor und sagt: Wenn Osama Bin Laden sich auf den Koran berufen kann, dann haben wir ein theologisches Problem, das wir lösen müssen.

Abu Zaid: Glauben Sie wirklich, dass, wenn prominente muslimische Politiker und Intellektuelle allesamt zugeben würden, dass sie ein großes Problem haben, dieses Problem damit gelöst wäre? Es gibt Probleme in der muslimischen Welt, die teilweise durch die Kolonialisierung entstanden sind, durch sowohl politische als auch wirtschaftliche Ausbeutung. Ist der Westen bereit, seine Teilverantwortung zuzugeben?

Der Djihad war eine annehmbare Waffe, solange er sich gegen den roten Teufel, den Kommunismus, gerichtet hat. Aber sobald er sich gegen den weißen Teufel - wie Bin Laden es nennt - gerichtet hat, war er auf einmal wieder die Verantwortung allein der Muslime.

STANDARD: Aber jetzt gibt es so manche artige Verbeugung von westlichen Politikern gegenüber dem Islam, nach anfänglichen Entgleisungen.

Abu Zaid: Die Aussagen von Silvio Berlusconi und anderen (die die kulturelle Unterlegenheit des Islam erklären, Anm.) zeigen ja deutlich, wo das Problem ist: Westliche Politiker müssten zurück auf die Schulbank. Das gilt auch für George Bush, der das Kreuzzug-Konzept wiederauferstehen ließ. Nun predigen Bush und auch Tony Blair die Schönheit, Milde und Friedensliebe des Islam. Warum konvertieren sie dann nicht? Beide kamen auch zum Schluss, dass ein Palästinenserstaat errichtet werden müsse: Basiert ihr Schluss auf der Erkenntnis des gerechtfertigten Anspruchs der Palästinenser oder auf pragmatisch-politischen Tatsachen?

STANDARD: Wie kann man den islamistischen Terrorismus bekämpfen, gib es etwas, was die Muslime als solche tun können, an Verurteilungen, Fatwas oder Ähnlichem?

Abu Zaid: Ich würde sagen, die einzige Art, den Terrorismus vernichtend zu treffen - egal ob islamistischen oder anderen -, ist, ihn zu entwurzeln, indem man nicht nur seine finanziellen, sondern auch seine menschlichen Ressourcen austrocknet. Entwurzeln heißt nicht nur, militärisch dagegen vorzugehen, es verlangt auch die Untersuchung der sozio-ökonomischen, politischen und intellektuellen Gründe für seine Existenz in verschiedenen Schichten in verschiedenen Gesellschaften.

Gudrun Harrer

BIOGRAFIE

Abu Zaid: Koran und Wissenschaft
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