Normalerweise strömen Kunsthändler zu den New Yorker Herbstauktionen ...

2. November 2001, 14:02
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Seit dem 11. September jedoch ist alles ungewiss geworden

New York - In jedem anderen Jahr wären Kunsthändler und Sammler in Scharen aus aller Welt angereist. Die bevorstehenden New Yorker Herbstauktionen für Impressionisten und Moderne Kunst locken mit einem Höchstgebot von Top-Losen. Auserlesene Werke, von denen einige noch nie, andere seit Generationen nicht mehr zu ersteigern waren. Doch nach den Terroranschlägen vom 11. September und der wirtschaftlichen Unsicherheit seitdem ist alles anders. "Es fängt damit an, dass manche Sammler und Händler den Flug nach New York scheuen", sagte der Direktor für impressionistische und moderne Kunst bei Sotheby's, David Norman, am Mittwoch Abend.

Ungewissheit

"So etwas haben wir noch nie erlebt", gibt auch Christie's Ehrenvorsitzender Christopher Burge im Rückblick auf seine mehr als 30-jährige Erfahrung zu. Nur wenige Tage vor Auftakt des dreitägigen Auktionsreigens am Montag (5. November) wagt niemand zu sagen, ob die Ereignisse der vergangenen Wochen den Kunstmarkt lähmen werden, oder ob Investoren gerade jetzt ihr Kapital in den Erwerb exquisiter Werke stecken. Einige Sammler hätten durch die Börsenentwicklung enorme Verluste erlitten und "ganz andere Sorgen, als nach neuen Kunsterwerbungen Ausschau zu halten", räumt Norman ein. Dagegen sollen Händler insgeheim auf Schnäppchen setzen.

Christopher Eykyn, Senior-Vizepräsident von Christie's in New York, fürchtet nicht um die Top-Angebote im Wert etlicher Millionen. "Sie finden weiterhin Interessenten, denn wir haben seit Jahren einen sehr intelligenten Markt", versicherte er. Sorgen bereitet den Auktionshäusern vielmehr der Absatz von Kunst aus dem breiten Mittelfeld. "Uns fehlen wahrscheinlich die Aufsteiger, die ihre neue Wohnung mit Werken unter einer Million dekorieren wollen", erläutert Norman.

Phillips, de Pury & Luxembourg besonders betroffen

Sotheby's Stolz ist unter anderem, Camille Pissarros "La Rue St. Lazare" versteigern zu können, eine Pariser Straßenszene aus dem Jahr 1893 und laut Norman "einer der besten Pissarros, die je auf dem Markt waren" (Schätzwert 60,7 Mill. bis 91,1 Mill. S). Phillips, de Pury & Luxembourg verkauft die Sammlung Diethelm Hoener mit bedeutenden Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen deutscher Künstler des 20. Jahrhunderts und rechnet mit einem Erlös von umgerechnet rund 141 Mill. S. Christie's New York kontert mit Meisterstücken von Braque, Leger, Miro, Picasso und Renoir aus der Sammlung des Belgiers Rene Gaffe. Die erwarteten Einnahmen in Höhe von 40 Millionen Dollar gehen auf Wunsch der im vergangenen Jahr verstorbenen Witwe, Jeanne Gaffe, dem Kinderhilfswerk UNICEF zu.

Von den drei New Yorker Auktionshäusern trägt der jüngste Wettstreiter, Phillips, de Pury & Luxembourg, das weitaus größte Risiko. Nach Informationen aus Expertenkreisen gab Phillips den Verkäufern seines Auktionsangebots im Voraus Garantien in Höhe von 180 bis 200 Millionen Dollar. Sollten die Käufer in der kommenden Woche ausbleiben, wäre das ein weiterer empfindlicher Schlag für Phillips' Muttergesellschaft, LVMH Moet Hennessy Louis Vuitton. Die "New York Times" berichtete im September, dass einige Verkäufer in den Tagen nach den Terroranschlägen bereits zuvor versprochene Werke im Wert von acht Millionen Dollar für Phillips' Auktion zeitgenössischer Kunst wieder zurückgezogen hatten. (APA/dpa)

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